Glatter Asphalt, ebene Strecke: Perfektes Terrain für das S-Pedelec-Liegerad

S-Pedelec-Liegerad: Pendeln mit Highspeed

Pendeln mit Highspeed

S-Pedelec-Liegerad: Pendeln mit Highspeed

Maiswände rauschen an mir vorbei. Voll konzentriert dirigieren meine Hände den Hightech-Galopper unter mir. Der Kopf ist wieder angriffslustig wie ein Falke nach vorne gereckt, eigentlich sollte ich ihn entspannt an die Nackenstütze lehnen. Wie eine Dampfmaschine hämmern die Beine auf und ab. Kühle Morgenluft strömt über den Streamer zum Kinn, meine Schultern liegen aerodynamisch ideal im Windschatten. Das Rauschen im Helm nimmt zu. Was sagt der Tacho? Ich risikiere einen Seitblick hinunter aufs Display: 42,5 km/h. Bei Unterstützungstufe 3 von 5. Irre.
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Vier Tage zuvor wuchten wir das dreirä­drige S-Pedelec-Liegerad aus der Transportkiste. Der Kreuz-Rahmen mit den beiden 20 Zoll-Vorderrädern und dem 26 Zoll-Heckrad bilden ein vollgefedertes Fahrwerk für eine optimal tiefe Straßenlage. Der Go SwissDrive-Hecknabenmotor wird von zwei 636 Wh-Seitenakkus mit Energie versorgt. Mit diesem aerodynamisch optimierten Speed-Pedelec, ein „Scorpion“ von HP Velotechnik, will ich den Rekord brechen. 2017 hatten mein Kollege Georg und ich für die 125 km-„Fahrt zur Arbeit“ schnelle 4:05 Stunden gebraucht.

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Nun noch den windabweisenden Streamer in der optimalen Neigung fixiert – ein Sonderzubehör, das der Hersteller für mich ebenso beigelegt hatte wie eine Carbon-Sitzschale, gleich zwei Wimpel und neongelbe Packtaschen. Am Vor­abend montiere ich auf den Auslegern der rückwertigen Blinker zusätzliche Akku-Rückleuchten. Das breite LED-Band soll Autofahrer auf mich aufmerksam machen. Blinkies wären eindeutiger als „Fahrrad“ identifizierbar, sind aber nicht erlaubt.

Probefahrt: Schenkel brennen

Das Scorpion fs 26 S-Pedelec-Liegerad ist das erste in Europa zugelassene mehrspurige 45 km/h-E-Bike. Für das künftige Besitzer 10.000 Euro hinblättern müssen. Einzelzulassung, erprobte Technik vom Feinsten. Dass HP seit 2012 Speed-Dreiräder baut, schafft Vertrauen. Ich schlängle mich in den perfekt passenden Sitz. Der Taster der Hupe liegt mir zu tief unter dem Griff. Und los: Der Motor schiebt stark und unhörbar an, beim ultimativen Bremsentest riecht´s nach Gummi. Satte 39-44 km/h liegen bei Stufe 4 von 5 an. Da es bei diesem Tempo für Speed-Pedelecs auf typischen Radwegen eng werden kann, ist defensive Fahrweise angesagt. 1,5 Stunden in Stufe 4 saugen wie ein Vampir den Akku aus. Ich muss bei der 125er-Rekordfahrt unbedingt die Waage zwischen Speed und Stromverbrauch finden. Und lockerer kurbeln. Die Schenkel brennen wie Feuer.

6:10 Uhr: start mit dem S-Pedelec-Liegerad in Regensburg

Radfahrer auf der Steinernen Brücke schauen tief zu mir herunter, als ich mit einem energischen Beinschub starte. Kette rechts auf der Landstraße, nur an insgesamt vier Steilstücken lege ich per Daumenhebel die Kette aufs mittlere Blatt. Mit 35 km/h schieße ich mit dem S-Pedelec-Liegerad nun ultralässig den leichten Anstieg hinauf. Mit 55 km/h fauche ich bergab. Noch halte ich den Unterlenker viel zu verkrampft fest, Adrenalin wechselt zu Euphorie. Den ersten Landstraßen-begleitenden Radweg übersehe ich – zu schnell fliegt die Einfahrt vorbei. Mann, lass mal die Schultern entspannt fallen, lehne den Kopf an, lass die Beine locker rotieren, noch drei Stunden liegen vor dir. Uups, ich fahre gerade in Stufe 4. Sofort runter auf 3 für mehr Reichweite, der Speed fällt auf 36-38 km/h. Egal, ist immer noch sauschnell. 6:40 Uhr: Die Sonne geht im Rückspiegel auf. Ich bin glücklich. Lag da ein Fotograf am Wegrand? 7:40 Uhr: Vor mir steigt Gideons weiße Drohne in den Himmel.

Nach 55 km ist der Akku leer …

… fast an der gleichen Stelle wie in 2017. Ok bei dem sagenhaften Schnitt von 38,8 km/h und dem hügeligen Terrain bisher. Das Motorkabel umstecken in den zweiten Akku. Neue Reichweiten-Prognose: 88 km. Aber 70 Kilometer zum Ziel. Wird knapp. Weil auf den nächsten 20 Kilometern drei giftige Anstiege warten und es erst danach flacher wird, wähle ich sicherheitshalber die Unterstützungsstufe 2. Und pushe dafür stärker in die Pedale. Speed 32-36 km/h, passt. Weil sich die Waden zunehmend verhärten, schütte ich Magnesium-Pulver auf die Zunge. Moosburg: Umgehungsstraße, Berufsverkehr. Auch hier bremsen Autofahrer neugierig und respektvoll hinter mir ab, überholen mit großem Abstand. Dass ich übersehen werde, streiche ich aus dem Gedächtnis. Armbanduhr ablesen während der Express-Fahrt – unmöglich. Bleibe ich unter vier Stunden?

Start im Morgengrauen.

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Der Hecknabenmotor von Go SwissDrive sorgt für ordentlich Vortrieb.

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Der erste Akkuwechsel steht nach 55 Kilometern an.

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Interessiert beäugen entgegenkommende Radfahrer das irre Geschoss

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Durch die Hallertau gen Süden

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Nebel auf den Wiesen südlich von Regensburg

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Das Windschild bietet guten Schutz für Beine und Oberkörper

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Auch Ortsdurchfahrten auf Pflastersteinen meistert das voll gefederte Scorpion

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Glatter Asphalt, ebene Strecke: Perfektes Terrain für das S-Pedelec-Liegerad

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Die Beleuchtung des HP Velotechnik-Trikes ist absolut ausreichend und im Morgengrauen eine sehr gute Hilfe

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Um besser wahrgenommen zu werden, sind Windfähnchen enorm hilfreich

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Die letzten Meter: Drohnenaufnahme kurz vor dem Ziel in Ismaning

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Starker Schnitt, Starkes Gerät

15, 13, noch 9 Kilometer … ich mache mir Sorgen. Um mit Strom im Ziel einfahren zu können, rolle ich mit verhaltenen 29 km/h durch Hallbergmoos. Irgendwo ein Schild: Ismaning 5 km. Meine Restreichweite: 1 km. Grrr, vier Kilometer vor dem Ziel ist der Saft im Akku des S-Pedelec-Liegerads weg. Überraschend wie leicht ich mit 25 km/h dahingleiten kann. 400 Meter vor dem Ziel schaltet das System komplett ab. Augenblicklich muss ich stärker reintreten als es meine ausgezehrten Beine wollen. Im Ziel: Kollegen rennen mir entgegen, ich soll die Arme mit Victory-Zeichen nach oben recken. Erst ein Blick auf die Uhr: Es ist 9:42 Uhr. Fahrzeit 3:32 Minuten. Rekord. Schnitt: rasante 35,38 km/h. Was für ein Gefährt, was für ein Abenteuer. Unvergesslich.

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