Mehr in unserem aktuellen Heft  
Handicap-Sportler Michael Büttner in Aktion.

Handicap-Sportler Michael Büttner: Radfahren als Therapie

"Radfahren wurde meine Therapie"

Handicap-Sportler Michael Büttner: Radfahren als Therapie

Michael Büttner erlitt 1997 einen schweren Schlaganfall. Heute ist er einer der weltbesten Handicap-Radsportler und legt auch mal mehr als 1200 km nonstop zurück. Wie es dazu kam und welche Tipps er Menschen in ähnlichen Situationen auf den Weg geben will, erzählt Büttner im Interview.
TEILE DIESEN ARTIKEL

Herr Büttner, wie sah Ihr Leben vor dem Schlaganfall aus?

Ich war als LKW-Fahrer mit einem 40-Tonnen-Truck in ganz Deutschland unterwegs. Dadurch habe ich mich vor allem an Imbissbuden ernährt und sehr viel geraucht. An den Wochenenden war ich als Torwart bei Fußballspielen etwas aktiv, aber ich bezeichne mich gern als ehemaligen Bewegungs-Legastheniker.

Was ist im Jahr 1997 passiert?

Ich hatte nachts im Schlaf einen Schlaganfall. Dies veränderte mein Leben komplett. Ich konnte zunächst nicht mehr richtig sprechen und war kognitiv stark eingeschränkt. Vor allem die Bereiche Gedächtnis, Gleichgewicht und Stressbewältigung machen mir bis heute zu schaffen. Darunter litt natürlich auch mein Selbstwertgefühl, nach dem Stroke war ich ein seelisches Wrack.

Wie kamen Sie wieder auf die Beine?

Nach der Reha wurde mir der ärztliche Rat gegeben, Ausdauersport zu treiben. Vor allem, um meinen Bluthochdruck, den hohen Cholesterinwert sowie mein Gewicht in den Griff zu bekommen. Ich wog damals 125 Kilo! Ich wollte gleichzeitig so wenig wie möglich Medikamente nehmen, sondern mir selbst helfen. Deshalb begann ich mit dem Radfahren. Zunächst waren es täglich 30 Minuten auf dem Ergometer – und ich merkte sofort, dass meine Gedanken positiver wurden und nicht mehr nur um den Schlaganfall und meine Defizite kreisten. Später sattelte ich dann um auf ein Mountainbike.

Wie ging es dann weiter?

Das Radfahren wurde regelrecht meine Therapie und die Ausdauer immer besser. Schon ein Jahr nach dem Schlaganfall meldete ich mich deshalb zu meinem ersten MTB-Marathon an und machte direkt den 4. Platz – zwischen komplett gesunden Teilnehmern! Und so ging es dann weiter: 2002 gewann ich meinen ersten WM-Titel als 24-Stunden-Champion, 2007 war ich das erste Mal erfolgreich auf einer über 1000-km-Strecke in Frankreich. Ich habe jetzt neun internationale Titel und mehr als 10 Streckenrekorde auf Europas Ultralangstrecken. Einige davon in der in der Kategorie Handicap, andere in der normalen Alterklassen-Wertung, weil es bei nicht allen Disziplinen eine spezielle Handicap-Wertung gibt. Das alles gelingt mir nur, weil ich dem Schlaganfall bis heute immer wieder ein Schnippchen schlage. Durch Radfahren in höchster Güte habe ich der Krankheit Schlaganfall zeigen können, dass diese sich einen anderen Gegner hätte suchen sollen.

Was genau macht das Radfahren mit Ihnen?

Das Radfahren machte mich ausgeglichener und stärkte mein Selbstwertgefühl enorm. Endlich fühlte ich mich wieder richtig gut! Und so ist es bis heute. Falls es irgendwo zwickt, weiß ich, was ich zu tun habe: Die langen Strecken bringen mich in die Balance. Ich kann stundenlang alles verarbeiten, was mich bedrückt und empfinde keinen Stress dabei. Jetzt ist meine Seele wieder mein Freund und nicht ein Feind in mir.

Jetzt Prämie sichern!

Und was ist Ihr nächstes großes Ziel?

Mein größtes Ziel ist es, noch einmal eine mehr als 1000-km-Strecke zu schaffen und einmal mit dem Rad zum Nordkap und zurück zu fahren. Ich starte dieses Jahr bei der Race Across Germany und das mit jetzt fast 59 Jahren.

Ihr Tipp für alle, die einen ähnlichen Neustart brauchen?

Ergib dich nicht dem Schicksal, egal welches es auch sein mag. Sport ist das beste Mittel, besser als jede Medizin oder Therapie. Lass dich nicht gehen und gib nie auf! Auch ich habe nie geglaubt, einmal weltweit der beste Extremradsportler mit Handicap zu werden. Der Sport schreibt oft seine eigenen wunderschönen Geschichten. Tue das Mögliche, um das Unmögliche möglich zu machen.

Michael Büttner schreibt einen Blog, in dem er über seine Herausforderungen und Erfolge berichtet. Wer mal rein klicken mag, hier geht’s lang: https://bikingbuettner.wordpress.com

Dieses Interview erschien in unserer Sonderausgabe aktiv Radfahren fit & gesund 2018.

Schlagworte
envelope facebook social link instagram