Einfach-Schaltungen am Gravelbike: Einfach und leicht

Einfach-Schaltungen: Wenn weniger einfach mehr ist

Einfach-Schaltungen am Gravelbike: Einfach und leicht

Die optisch schlanken Einfach-Schaltungen mit nur einem Kettenblatt und üppiger Kassette mit bis zu 13 Ritzeln am Hinterrad liegen am Gravelbike voll im Trend. Sie glänzen mit etlichen Vorteilen für viele Fahrer, sind zugleich allerdings mit Einschränkungen verbunden – eine Übersicht.
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Ja, wo ist er denn …? So möchte man mit Blick auf Schaltung respektive Antrieb vieler aktueller Gravelbikes fragen – und meint damit den nicht vorhandenen Umwerfer, der die Kette traditionell per entsprechendem Schaltvorgang zwischen zwei Kettenblättern hin- und herbewegt. Stattdessen kommt eine Vielzahl an Gravelern, quer durch alle Preisklassen, mit nur einem Kettenblatt aus (meist mit 38 bis 44 Zähnen), was den Umwerfer obsolet macht. Diese technische wie optische Verschlankung der Einfach-Schaltungen ermöglichen die aktuellen Kassetten am Gravelrad mit 11, 12 oder – wie an Campagnolos mechanischer Gravelschaltung Ekar – sogar 13 Ritzeln.

Was Einfach-Schaltungen so spannend macht

Sie bringen eine erstaunliche Übersetzungsbandbreite ebenso an den Start wie einen leichten Berggang für steile Intermezzi und meist ausreichend große Gänge für schnelle Abfahrten. So kommt etwa Campagnolos 1 x 13-fach-Schaltung Ekar in der Version mit 9-42er-Kassette (9 = kleinstes Ritzel/schwerster Gang; 42 = größtes Ritzel/leichtester Gang) auf stattliche 467 % Gesamtübersetzung, die für völlig unterschiedliche Fahrsituationen sehr gut funktioniert.

Demgegenüber steht ein gängiges Zweifach-Schaltsystem mit 22 Gängen: Etwa mit einer 31-48er-Kettenblattkombination und 11/34er-Kassette, womit man 479 % Gesamtübersetzung nutzt. Verglichen mit 1 x13- und 1 x12-Gang-Schaltungen also eine überschaubare Differenz, was die Einfach-Schaltungen für viele Gravelbiker so interessant macht. Gar von einem deutlich größeren Gangspektrum als bei manch’ Zweifach-Schaltung profitiert der Gravelleur bei den 1 x 12-Gang-Schaltungen von Sram. Bis zu 520 % Gesamtübersetzung bieten diese dank ihrer, vom Mountainbike übernommenen, 10-52er-Kassette.

Vereinfachte Schaltlogik und ein geringeres Gewicht

Schließlich punkten Einfach-Schaltungen Kraft ihrer intuitiven, leicht zu erlernenden Schaltlogik: Als Fahrer schaltet man die Kette entweder rauf aufs größere Ritzel und den leichteren Gang oder umgekehrt aufs kleinere Ritzel und den nächstschwereren Gang für schnelles Fahren bergab oder im Flachen. Das war’s! Ein handfester Vorteil nicht zuletzt für Gravel-Novizen, die sich mit den etwas komplexeren Gangwechseln einer Gravelschaltung mit zwei Kettenblättern erst vertraut machen müssen. Ferner spart der Verzicht auf ein Kettenblatt, den Umwerfer, die linke Schaltmechanik am Brems-/„Schalthebel“ und eine kürzere Kette ordentlich Gewicht. Das reduzierte Gesamtgewicht des Gravelbikes kann sich in Form flotterer Beschleunigung und einer lebendigeren Fahrdynamik positiv bemerkbar machen.

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Ade Umwerfer: mehr Platz

Ferner verhelfen Einfach-Schaltungen Radkonstrukteuren zu großzügigerem Bauraum rund ums Tretlagersegment, wodurch sich ein Rahmen, respektive dessen Rohrprofile, auf breite Gravelpneus anpassen lässt. Stichwort: Fahrkomfort! Und wo keine Umwerfermontage am Sitzrohr berücksichtigt werden muss, kann dieses kreativer gestaltet werden. So kann es für top Steifigkeit und Vortrieb zum Tretlager hin breiter profiliert werden. Der Wegfall eines zweiten Kettenblatts sowie des Umwerfers beschert dem Gravelrad zudem mehr Reifenfreiheit. Vorteilhaft unter anderem bei schlammigen Verhältnissen, weil per Pneu aufgesammelter Dreck einfach zwischen Hinterrad und Rahmen vom Reifen abfällt, anstatt auf dem Rahmen zu „parken“.

Überhaupt scheidet der Umwerfer als potentielle Fehlerquelle aus: Während arg ruppiger Passagen zum Beispiel kann es passieren, dass der Umwerfer die Kette fallen lässt oder, dass er unter heftigem Schlammbeschuss nicht mehr leichtgängig arbeitet. Freilich gestaltet sich auch die Pflege von Einfach-Schaltungen leichter, außerdem können weniger Teile verschleißen, was Kosten spart.

Ergonomie am Gravelbike: Mehr Komfort mit der richtigen Einstellung

Einfach-Schaltungen sind am Gravelbike sehr beliebt.

Pluspunkt leichtere Justage

Obendrein gestalten sich Justagearbeiten an Einfach-Schaltungen einfacher und zeitsparender, schließlich muss nur das Schaltwerk korrekt eingestellt sein, um die Kette rasch zwischen den bis zu 13 Ritzeln hin- und herzubewegen. Auch das Nachrüsten einer Einfach-Schaltung beansprucht weniger Werkstattzeit, da kein Umwerfer aufwändig auf mehrere Kettenblätter feineingestellt wird.

Vorteile: Geringer Verschleiß, Option Variostütze

Punkte sammeln moderne Einfach-Schaltungen mit 11, 12 oder 13 Gängen auch mit geringerem Kettenschräglauf als Gravelschaltungen mit zwei Kettenblättern. Das erhöht den Wirkungsgrad des Antriebs und reduziert den Verschleiß, insbesondere in „Gang­extremen“ wie der Kombination größtes Kettenblatt/größtes Ritzel. Außerdem schafft die fehlende Schaltmechanik am linken Brems-/„Schalthebel“ mehr Platz für einen Bedienhebel zum Blockieren des gefederten Hinterbaus vollgefederter Gravelbikes für effizienteren Vortrieb in gut asphaltierten Anstiegen. Alternativ nutzt man den gewonnenen Platz für den Fernbedienhebel einer Variostütze zur raschen Sattelabsenkung vor Steilabfahrten. Zu guter Letzt fördert der Wegfall von Umwerfer, Kettenblatt und Schaltmechanik auf der linken Lenkerseite einen aufgeräumten, eleganten Look zu Tage.

Details in Bildern

Auf die sonst übliche, integrierte Schalteinheit am linken Brems-/Schalthebel wird bei Einfach-Schaltungen verzichtet.

Kombiniert eine große Übersetzungsbandbreite mit fein abgestuften Gängen: Campagnolos 13-Gang-Kassette Ekar und zugehörigem Schaltwerk.

Einfach-Schaltungen arbeiten mit nur einem Kettenblatt: spart Gewicht und sieht gut aus.

Einfach-Schaltungen punkten mit intuitiver Schaltlogik: Die Gänge wechselt man nur mittels der rechten Schalteinheit am Lenker.

Einfach-Schaltungen: Einfach für alle?

Trotz aller Vorteile, die moderne Einfach-Schaltungen am Gravelbike also vielen Fahrern bieten, stellen sie nicht automatisch für jeden Fahrertyp die perfekte Schaltvariante dar. Wer es etwa selbst bei top Tempo bergab gewohnt ist, emsig weiterzutreten, wird den höchsten, schwersten Gang von manch’ 11- oder 12-Gang-Einfach-Schaltung womöglich als zu leicht empfinden, wenn das kleinste Ritzel weniger sportlich abgestuft ist. In umgekehrter Schaltrichtung wird der Pedaleur den kleinsten Gang – abhängig von der verbauten Ritzelkombination der Kassette am Hinterrad und der Kettenblattgröße – eventuell als zu sportiv und an knackigen Anstiegen unnötig schwer zu treten erleben. Mehr noch als auf dem größten Gang sollte der Fokus deshalb auf einem, auch in Steilpassagen leicht zu tretenden, kleinsten Berggang mit nicht zu großer Entfaltung liegen: Er schont die Kräfte. Diesen bieten Einfach-Schaltungen mit 12- oder 13-Gang-Kassette bis zu 52 Zähnen am größten Ritzel und maximal 520 % Gesamtübersetzung.

Alternativ: Zweifach-Schaltung mit zwei Kettenblättern

Alternativ lohnt am Gravelrad die Nutzung einer Zweifach-Schaltung mit zwei Kettenblättern: Sie erleichtert, wenn entsprechend abgestuft, mittels eines besonders leichten Berggangs das Erklettern besonders langer und/oder steiler Anstiege. Wer davon profitiert: Gravelnovizen mit geringerer Kondition, ebenso wie versierte Fahrer mit einem Faible für harte, alpine Schotteranstiege. Zweifach-Schaltungen bieten sportiven, vom Rennrad kommenden Gravelbikern, die gern mit bestimmter Trittfrequenz und Wattzahl pedalieren, zudem das, was viele Einfach-Schaltungen missen lassen: kleinere und feiner abgestufte Gangsprünge, mithilfe derer es meist einfacher ist, seinen individuellen Wunschgang zu finden.

Um herauszufinden, ob Einfach- oder Zweifach-Schaltungen am Gravelrad dem eigenen Gusto entsprechen, hilft eine ganz klassische Methode: Eine intensive Probefahrt beim Radhändler. Gerne auch im Bergauf-Modus, um die Qualitäten des kleinsten Gangs für sich festzustellen – und sich entsprechend zu entscheiden.

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