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Kosten beim Fahrrad: Service, Werkstatt, Wartung, Pflege

Die große Abrechnung: Was kostet mich mein Rad?

Kosten beim Fahrrad: Service, Werkstatt, Wartung, Pflege

„Wer sein Fahrrad liebt – der schiebt!“ ... heißt es im Volksmund. Doch mit Zuneigung hat es meist wenig zu tun, wenn der Radfahrer sein Zweirad nicht nutzen kann, sondern eher mit mangelnder Pflege. Wer sein Fahrrad wirklich mag, der spendiert ihm einen regelmäßigen Service. Doch wie wartungsintensiv ist ein Fahrrad?
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Florian Rebel betreibt ein Fahrradgeschäft im bayrischen Schliersee. Was die typischen Verschleißteile an einem Fahrrad sind, wollen wir von ihm wissen. „Bremsbeläge!“ kommt es wie aus der Pistole geschossen, und dann: „Kette, Kassette, Kettenblätter, Bremsscheiben. Und natürlich Reifen.“ In welchem Turnus man für eine Wartung oder Inspektion zum Fahrradhändler kommen soll, kann er uns so pauschal nicht sagen. Zu unterschiedlich ist die Nutzung eines Fahrrades, zu verschieden die Kilometerleistungen. „Die einen nehmen ihr Radl nur für einen Fahrradausflug am Wochenende – die anderen pendeln damit täglich zur Arbeit“, weiß Florian Rebel.

Eine jährliche Durchsicht des Fahrrades vor Saisonbeginn ist hingegen schon wegen der Sicherheit angebracht. Schaltet die Kette sauber? Packen die Bremsen noch zu? Um das zu prüfen muss man nicht zwangsläufig in eine Werkstatt. Genauso wie die üblichen Pflegearbeiten selbst durchgeführt werden können. „Die Kette säubern und ölen, den Luftdruck prüfen und die Bremsbeläge regelmäßig kontrollieren – das ist nicht schwer!“ weiß der sympathische Schrauber-­Profi. Und das kostet auch nicht viel. Ein Fläschchen Kettenöl ist für ca. acht Euro zu haben und eine gute Investition. Aber ist es mit diesen Kosten schon getan? Betrachten wir, über was wir genau sprechen:

Kaufpreis und Wertverlust

„Wer billig kauft, kauft zweimal“, klingt es jedem im Ohr, der ein vermeintliches Schnäppchen machen will – aber stattdessen einen frühen Defekt erlebt. Das Prinzip kann man auch auf ein Fahrrad übertragen. „Das ­teure Fahrrad wird genauso wie ein günstiges Fahrrad auf sieben Jahre abgeschrieben“, erklärt Steuerberater Norbert Müller auf Nachfrage. Und tatsächlich: Der Gesetzgeber in Deutschland sieht eine Nutzungsdauer von sieben Jahren vor, wie die AfA-Tabelle für Anlagegüter des Bundesfinanzministeriums aufzeigt. Die echte Nutzungsdauer kann jedoch deutlich länger sein, wenn man ein entsprechend höherwertiges Fahrrad kauft. Für unsere Betriebskostenrechnung legen wir jedoch den Wert der Finanzbehörden als einheitliche Nutzungsdauer fest. Übrigens: Der Durchschnittspreis eines Fahrrads (ohne den Anteil der E-Bikes!) in Deutschland betrug im Jahr 2018 nach Angaben des ZIV 756 Euro. Wir rechnen knapp 50 Euro für ein Fahrradschloss hinzu und kommen auf einen durchschnittlichen Kaufpreis von 800 Euro.

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Kilometerleistung

Die zurückgelegte Strecke per Fahrrad bestimmt die Kosten pro Kilometer. Das Bundes­ministerium für Verkehr und digi­tale Infrastruktur weiß, dass die Bedeutung des Fahrrads für die Alltagsmobilität der Menschen in den letzten 15 Jahren erheblich zugenommen hat. Es hat daher im Zuge der Studie „Mobilitätsverhalten 2019“ ermittelt, dass Fahrradfahrer 2,4 Wege pro Tag mit insgesamt 9,3 Kilometern zurücklegen. Das macht knapp 3400 Kilometer pro Radfahrer. Der Zweirad Industrie Verband gibt eine wöchentliche Kilo­meterleistung pro Fahrradbesitzer von 30 Kilometer an. Das macht knapp 1600 Jahres­kilo­meter. Die Zahlen differieren stark, so dass wir einfach das Mittel nehmen: rund 2500 Kilo­meter pro Jahr mit dem Fahrrad.

Fixkosten

Ein Radfahrer hat in mehr oder weniger festen Abständen gewisse Aufwendungen – unabhängig von der Kilometerleistung seines Rades. So schlägt hier typischerweise eine Diebstahlversicherung für besonders teure Fahrräder zu Buche. Bis ca. 2500 Euro sind Fahrräder meist in der Hausratversicherung inkludiert. Eine separate Fahrradversicherung kostet im Durchschnitt 10 Euro monatlich. Zu den Fixkosten gehört aber auch der Helm. Die Außenhülle eines Helmes unterliegt einer ­Alterung. Die Klebstoffe können sich zersetzen, der Helm buchstäblich in seine Bestandteile zerfallen. Deshalb ist es sinnvoll, Helme nach 3 bis 5 Jahren auszutauschen. Ein guter Fahrradhelm kostet ca. 90 Euro. Umgelegt auf die Nutzungsdauer sind das zwei Euro pro Monat. Weiteres Zubehör bzw. Bekleidung kann man hier gerne mit einrechnen.

Kosten im laufenden Betrieb

Kommen wir zu all jenen Kosten, die dadurch entstehen, dass man das Fahrrad bewegt. Bei der angenommenen Fahrleistung von 2500 Kilometern gehen wir davon aus, dass Kette (20 Euro) und Kettenblatt (25 Euro) alle zwei Jahre getauscht werden müssen, die Bremsbeläge einmal jährlich (2 × 15 Euro). Wenn man keine Scheibenbremsen hat, sogar häufiger. Die Kassette einer Kettenschaltung (60 Euro) ist nach 10 – 15.000 km fällig. Die Reifen (2 × 30 Euro) sollten ca. 5000 Kilometer halten. Uns ist bewusst, dass die tatsächlichen Laufleistungen der Verschleißteile deutlich variieren können. Das hängt zum einen mit dem Streckenprofil zusammen, aber auch der Fahrweise und dem Pflegeverhalten.

Ein weiterer Faktor, der maßgeblichen Einfluss auf die Betriebskosten hat, ist die technische Ausstattung, genauer: die Art des Antriebs. „Kette oder Riemen?“, ist die Frage, die man sich stellen sollte. Ein spezieller Rahmen mit Öffnung für den Riemen und eine Schaltungsnabe erhöht zwar den Kaufpreis – senkt aber die Betriebskosten! Reiseradler berichten, dass sie ca. 30.000 Kilo­meter mit einem Riemen zurücklegen. Bei Ketten werden Maximalleistungen von ca. 10.000 Kilometern angegeben, wenn sie mit einer Getriebeschaltung kombiniert werden, um verschleißträchtigen Kettenschräglauf zu vermeiden. Bei Kettenschaltungen die Hälfte oder weniger. Grob dient die Faustformel, dass bei vergleichbaren Bedingungen ein Riemen rund zwei­ein­halb bis dreimal länger hält als eine Kette. Ein Paradoxon der Betriebskosten kann also lauten: Wer mehr Geld sparen will, muss zunächst mehr Geld ausgeben!

Für eine Handvoll Münzen: Die Betriebskosten eines Fahrrades betragen in unserer ­Beispielrechnung zwischen acht und 15 Cent pro Kilometer.

Hauptursache für Bremsenverschleiß ist permanentes „Schleifenlassen“ der Bremse bergab. Werden Bremsbeläge zu spät gewechselt, können die Bremsscheiben beschädigt werden.

Eine Kassette überlebt 3 – 4 Ketten, wenn man diese früh genug wechselt. Wechselt man die gelängte Kette zu spät, zieht das die teure Kassette in Mitleidenschaft.

Das Verhalten entscheidet über den Verschleiß

Doch nicht nur die Qualität und die technische Ausstattung eines Fahrrades entscheiden darüber, wie hoch die Betriebskosten sein werden. Sondern auch das Verhalten des Fahrradfahrers. Damit meinen wir nicht nur das Fahrverhalten, sondern in erster ­Linie das Serviceverhalten. „Viele Reparaturen sind vermeidbar“, weiß Thomas Kleiber, Filialleiter bei Radlbauer. Er hat die Erfahrung gemacht, dass manche Fahrradfahrer zu spät die Komponenten tauschen – und so leider vermeidbare Folgeschäden provozieren. Bestes Beispiel ist die zerstörte Bremsscheibe, weil der Belag zu spät gewechselt wurde.

Verschleiß lässt sich daher nicht nur aus technischer Sicht betrachten – sondern auch aus wirtschaftlicher. Die Laufleistungen von Ketten variieren von 1000 km beim Einsatz auf dem MTB unter groben Bedigungen mit Schmutz und Schlamm, über 3000 bis 5000 km bei Trekkingrädern mit vorwiegend trockenen Bedingungen und guter Pflege bis hin zu Laufleistungen über 6000 km bei Cityrädern mit Nabenschaltungen im Schönwetter-Einsatz. Es kann Sinn machen, eine Kette früher als üblich zu wechseln, um ihr eine doppelte bis dreifache Lebenszeit zu spendieren. Der Profi hat zwei Ketten zur Auswahl und wechselt diese zeitlich in kurzer Folge nach wenigen hundert Kilometern jeweils untereinander. Der Fachmann spricht von intermittierender Nutzung.

Schönwetterfahrer oder Ganzjahres-Pendler?

Natürlich nagt ein trockener und kalter Winter stärker am Material. Schmutz bleibt an der Kette haften. Das fördert den abrasiven Verschleiß. Für den Winter muss evtl. ein zweites Paar Reifen zugelegt werden. Und der Ganzjahresfahrer benötigt auch mehr Bekleidung, um der kalten Jahreszeit trotzen zu können. Der kostensenkende Faktor einer hohen Fahrleistung kommt dann nicht unbedingt zum tragen, denn diese Mehrausgaben erhöhen die Fixkosten. Ganzjahres-Pendler sind nicht zwingend günstiger unterwegs als Schönwetterfahrer.

Auch der Streckenverlauf selbst hat direkten Einfluss auf den Verschleiß und damit auf die Kosten. Wer viel Ampeln auf seiner Pendlerstrecke hat, beschleunigt und bremst öfter – zu Lasten von Bremsen und Reifen. „Doch das Streckenprofil selbst ist dabei weniger wichtig“, weiß Vielfahrer Alexander Hanisch zu berichten. „Seit ich mehr Höhenmeter auf meiner neuen Pendlerstrecke absolvieren muss, habe ich tatsächlich weniger Verschleiß an Bremsbelägen!“ Was wie ein Paradoxon klingt, lässt sich anhand seiner Strecke schlüssig erklären. „Früher hatte ich zwei S-Kurven am Ende meines Bergab-Stückes. Ich musste stark abbremsen, was Bremsbeläge kostete. Auf meiner neuen Route kann ich es bergab einfach auslaufen lassen!“

Das Verhalten, oder besser, das Fahrverhalten ist auch genau der Punkt, den ­Florian Rebel als Kostenfaktor hervorhebt. „Ein Fahrtechnikkurs hilft, die Betriebskosten zu senken!“, mit dieser Aussage verblüfft uns der Mechaniker. Eine Verbesserung der Fahrtechnik macht nicht nur aus Gründen der ­Sicherheit Sinn, sondern hilft, die Technik eines Fahrrades zu verstehen. So kann man einen sich anbahnenden Defekt durch übermäßigen Verschleiß erkennen. Und: Eine flüssige und vorausschauende Fahrweise hilft, den Verschleiß zu minimieren.

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Betriebskostenrechnung

bei einer Laufleistung von 2500 Kilometern pro Jahr und einem Neupreis von 800 Euro (Trekkingrad mit Ketten­schaltung), Nutzungsdauer sieben Jahre.

Fixkosten pro Jahr

  • Wertverlust 114,28 €
  • Diebstahlversicherung 120 €
  • Helm 24 €

Betriebskosten pro Jahr

  • Bremsbeläge 2 × 15 €
  • Kette 1/2 × 15 €
  • Kettenblatt 1/2 × 25 €
  • Kassette 1/4 × 60 €
  • Reifen 1/2 × 60 €
  • Jahresinspektion 60 €

Gesamtergebnis: In unserer Beispielrechnung haben wir jährliche Kosten von 383,28 Euro pro Jahr ermittelt. Das macht 31,95 Euro pro ­Monat bzw. 15,33 Eurocent pro Kilo­meter.

Wird die Nutzungsdauer dieses Fahrrades auf 10 Jahre gesteigert, die jährliche Kilometerleistung um 500 Kilometer auf 3000 Kilometer angehoben und alle Wartungsarbeiten am Fahrrad konsequent selber durchgeführt, so ergeben sich 249 Euro Kosten pro Jahr. Das entspricht 20,75 Euro pro Monat oder 8,3 Eurocent pro Kilometer.

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