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Wege in Bayern: Kommentar zur neuen Verwaltungsvorschrift

Warum dieser ganze Aufriss?

Wege in Bayern: Kommentar zur neuen Verwaltungsvorschrift

Radfahren-Redakteur Sebastian Böhm ist MTB-Guide im DAV, Mitglied in der DIMB sowie in einem lokalen Radsportverein – und hat eine klare Meinung zur neuen Verwaltungsvorschrift. Ein Kommentar.
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Ganz ehrlich? Ich verstehe die Notwendigkeit dieser neuen Verwaltungsvorschrift (VwV) iin Bayern nicht! Anstatt sich mit den Mountain­bikern an einen Tisch zu setzen und aktiv an soliden und zukunftsträchtigen Lösungen zu arbeiten, schürt man sinnloserweise noch die Konflikte in der Praxis. Und ja, es gibt hier und da Konflikte, aber im Großen und Ganzen sind diese nicht wirklich existent. Wenn ich mich mit Guide-Kollegen im DAV, von der DIMB oder Bekannten generell über die Realität unterhalte, sind Konflikte dort in­ter­essanterweise nur sehr selten vorhanden.

Eher scheint es mir gar so, als wolle man am Ende ein Konfliktpotential mit der neuen VwV erschließen, um in Zukunft Futter für Gespräche gegen die Mountainbiker zu haben. Ich habe in meiner Region bei Polizei und Tourismusbehörden nachgefragt: In den vergangenen drei Jahren gab es laut Polizei keine einzige Anzeige gegen Mountainbiker. Und in den Tourismusbehörden wird von wenigen Rowdys berichtet, aber im Großen und Ganzen gebe es auch hier keine Probleme. Warum also der ganze Aufriss?

Mountainbiker zerstören nicht den Wald

Die Aussage, dass wir Mountainbiker die Wege kaputt machen: Leute – diese Story kann ich nicht mehr hören. Wenn ich unseren Wald ansehe, hat dieser ganz andere Probleme: Klimawandel, jahrelange Trockenperioden, Monokulturen wegen Holzwirtschaft, Schädlinge wie der Borkenkäfer oder der Asiatische Laubholzbockkäfer, massenhaft Schotterwege und Rückegassen, tonnenschwere Holzmaschinen, die breite und tiefe Wege hinterlassen. Letztere sind auch noch Jahrzehnte später deutlich sichtbar! Diese Punkte schädigen den Wald doch um ein Vielfaches mehr als die Mountainbiker. Und selbst wenn irgendwo in der Republik ein paar illegale, schmale Trails angelegt wurden, sind diese im Gegensatz zu den vorher genannten Punkten in meinen Augen nur ein lächerlich kleines Problem – um das politisch aber überraschend viel Terz gemacht wird.

Mountainbiker machen den Wald kaputt? Im Bild: Der Bau einer Wasserleitung auf einem eigentlich schmalen Forstweg.

Akzeptanz für Gesellschaftssport

Anstatt Wege zu sperren, sollten sich die Gemeinden aktiv mit den Bikern zusammensetzen und dem „Ansturm an MTBikern“ mit einem interessanten Angebot an offiziellen Strecken begegnen. Schließlich sind auch sie es, die diesen Trend meist über 20 Jahre verschlafen haben. Das wäre nicht nur für die Locals vor Ort, sondern auch für den Tourismus interessant. Mountainbiken ist als Gesellschaftssport durch alle Altersstufen hinweg nicht mehr wegzudiskutieren und feierte im Jahr 1996 seine olympische Premiere. Undergroundsport? Mitnichten!

Dabei würde man nicht nur Leute wie mich, Ehrenamtliche und Sportvereine erfreuen, sondern vor allem eine Vielzahl an Kindern und Jugendlichen, die diesen wunderschönen Sport betreiben! Gerade letztere profitieren von der Bewegung in der freien Natur. Das Gleichgewicht wird geschult, die Fitness verbessert. Dort lernen sie schon früh, Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber zu tragen. Sie können sich ausprobieren und die eigenen Grenzen kennenlernen. Umweltschutz liegt vielen Menschen am Herzen, sie setzen ihn privat aber oft nur inkonsequent um. Das MTB schafft es, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene für die Belange der Natur sensibilisiert werden, die Schönheit der Natur erkennen und die Freiheit darin lieben lernen.

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Deutsche Politik hat Nachholbedarf

Doch anstatt die Vorteile zu sehen, neigt der gewiefte Amtsschimmel eher zur negativen Auslegung und Generalisierung. Lieber sperrt man die Leute teilweise oder ganz aus. Verkehrte Welt! Dabei fällt mir in Gesprächen immer wieder auf, dass Behörden sich oft nicht einmal ordentlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, wichtige Untersuchungen zum Thema nicht kennen, auch auf Vorschläge einer gemeinsamen Befahrung von Wegen nicht eingehen. Schlussendlich kam auch schon das WaSEG-Papier von 2019 ganz klar zu dem Schluss, dass in Deutschland bezüglich Mountainbiken die Politik und Amtsträger in vielen Punkten so einiges nachzuholen haben.

Die Aussage des DAV-Dachverbandes „uns ist wichtig, als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen“, macht die Sache auch nicht besser, denn die Arbeit wird hier schlussendlich auf die Ehrenamtlichen vor Ort abgewälzt. Dort herrscht oft aber große Unsicherheit und bei rechtlichen Fragen viel Unwissenheit. Wie sollen diese dann die Interessen der Mountainbiker richtig vertreten? Insellösungen, wie von Heiko Mittelstädt (DIMB) genannt, sind definitiv zu vermeiden!

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Gemeinsame Wege statt einem unnötigen Bürokratie-Monster

Ein Streitpunkt ist oft die rechtliche Auslegung des „geeigneten Weges“. Diese wurde aber schon in einigen Urteilen von Richtern passend für beide Seiten ausgelegt: Der Mountainbiker muss sein Fahrkönnen und das Wetter richtig einordnen, im Sturzfalle hat er sich im Zweifel dann wohl überschätzt und der Grundstückseigentümer ist quasi nicht haftbar zu machen. So soll und muss es doch sein, oder? Stattdessen lassen sich viele Ansprechpartner von Amtsstellen vor Ort nicht einmal auf eine Befahrung ein. Gerade dabei könnte man aber aufzeigen, dass selbst einige Kinder und Jugendliche bestimmte Strecken sicher und mit viel Spaß absolvieren, wo mancher schon zu Fuß zu kämpfen hat. Da fragt man sich dann schon, welche Interessen das Gegenüber wirklich im Hintergrund verfolgt.

Dabei wäre ein Miteinander doch viel wünschenswerter. Doch unser Staat erschafft lieber ein neues Bürokratie-Monster und wohl auch Fälle vor Gericht. Typisch deutsch halt! Wann endlich steht denn das echte Miteinander wieder im Vordergrund? Oder will man auf breiter Fläche Biker-Ghettos einführen, in die dann jeder nach Feierabend mit dem Auto fährt? Die Stärke des Mountainbikes ist doch auch gerade die, dass ich meine kurze Feierabendrunde bei mir vor Ort antreten kann, ohne das Auto zu nutzen. Das hat auch mit Umweltschutz zu tun.

Vernünftige Radpolitik nötig

Das Radfahren als umweltfreundliche Alternative ist, ob im Alltag oder Sport, eben leider in vielen Köpfen noch gar nicht angekommen. Bevor also über Sperrungen und die Beschlagnahme von Rädern diskutiert wird, fordere ich eine vernünftige Radpolitik auf breiter Front. Die flächendeckende Schaffung von Radwegen, die ihren Namen verdienen. Radabstellanlagen, in denen das Rad auch ordentlich gesichert abgestellt werden kann und die den Lack nicht beschädigen. Härtere Strafen für Falschparker auf Radwegen. Eine bessere Sensibilisierung der Autofahrer bezüglich Dooring und beim Überholen von Radfahrern. Und am Ende für die MTB-Sportler auch ein umfangreiches wie interessantes Angebot. Die Duldung von vielen vorhandenen Strecken wäre zudem sinnvoll, damit keine oder auch weniger neuen, illegalen Strecken entstehen.

Gemeinsam eine Zukunft schaffen

Mein Fazit: Oft haben Politik und Ämter es versäumt, die gesellschaftlichen Vorteile eines gesunden Miteinanders auch aktiv vorzuleben. Die Hauptarbeit auf die Ehrenamtler abzuladen, finde ich falsch, schließlich werden die staatlichen Stellen ja von allen Bürgern dafür bezahlt, für eben diese zu arbeiten. Wir sind auch der Staat! Stattdessen treten weitläufige Vorurteile, Verallgemeinerungen, oft gepaart mit Unwissenheit, Gleichgültigkeit sowie auch bestimmte Interessen auf den Plan. Ich würde mir wünschen, dass es auch miteinander eine schöne Zukunft und Platz für alle gibt.

Mehr erfahren? Hier eine Bestandsaufnahme zur neuen Verwaltungsvorschrift in Bayern.

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