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Biken im Spessart
Mountainbiketourismus: Kongress zum Thema „Flow“

Deutschland will unter die Top 5 der MTB-Regionen weltweit

Mountainbiketourismus: Kongress zum Thema „Flow“

Mit- statt gegeneinander: Deutschland will unter die Top 5 der weltweiten Mountainbike-Destinationen. Dafür müssen aber die verschiedenen Regionen zusammenarbeiten. Es gelte, ein gemeinsames Image zu schaffen - gerade wegen der Vielfalt, die in Deutschland herrscht. Das ist eine der Erkenntnisse des Mountainbiketourismus-Kongress', der jüngst in Bad Orb im Spessart über die Bühne ging.
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„Flow“, der Titel des Kongresses des Mountainbiketourismus-Forums (MTF), sorgte zumindest zum Start für eine Kontroverse. „Ein E-Mountainbiker kann niemals den Flow erleben, den sich ein klassischer Mountainbiker erfährt“, sagte Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln in seinem Eröffnungsvortrag. Anstrengende Anstiege seien für den inneren Flow enorm wichtig, so Froböse. Denn der Flow stelle sich wissenschaftlich betrachtet nur dann ein, wenn ein Gleichgewicht zwischen Anspruch und Können hergestellt ist. Fehle der Anspruch — hier die körperliche Herausforderung –, weil ein E-Motor die Anstrengung minimiert, könne sich dieses Gleichgewicht nicht einstellen. Eine Einschätzung, die eingefleischte E-MTBer, aber auch Downhiller und Enduristen, die Lifte und Shuttles für die Aufstiege nutzen, so sicher nicht unterschreiben.

Mountainbiketourismus: Einheitliche Beschilderung für ganz Deutschland

Das MTF will Deutschland zu einer der fünf wichtigsten Destinationen für Mountainbiketourismus weltweit entwickeln. „Wir erarbeiten daher zurzeit einheitliche Beschilderungen für Routen“, erklärte Nico Graaff vom MTF. Nur wenn sie überall gleich sei, werde Deutschland auch als Einheit wahrgenommen. Einheimische Mountainbiker profitierten ebenfalls davon. Der Kongress diene daher in erster Linie, die Regionen miteinander zu vernetzen. Die verschiedenen Vorträge sollen den Touristikern wirksame Werkzeuge an die Hand geben. Hilfestellungen, wie aus der jeweiligen Gegend touristisch das Beste heraus geholt werden kann. Nicht jedes Werkzeug passe dabei in jeder Region.

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Spessart: DIMB-zertifizierte Flowtrails und 650 Kilometer Mountainbikenetz

Das zeigte sich bereits bei einer ersten Ausfahrt in Bad Orb. Der Kurort im hessischen Spessart hat seit zwei Jahren mit DIMB-zertifizierten Flowtrails ein spannendes MTB-Angebot. Die Strecken sind zum Großteil ehrenamtlich entstanden, genauso wie das mehr als 650 Kilometer lange, ausgeschilderte Mountainbike-Routennetz im hessischen Teil des Mittelgebirges. Unterstützung gab es vom Naturpark Hessischer Spessart und der Spessart Tourismus und Marketing GmbH. Die Flowtrails entstanden über eine EU-Leader-Förderung und lokale Zuschüsse. „Von Anfang an haben wir mit allen Akteuren zusammen gearbeitet“, erklärte Klaus Bergfeld, der Initiator des gesamten Projekts.

Flow - das Motto des Kongress'

Flow – das Motto des Kongress‘

Kleveres Wegenetz beugt Konflikten vor

Das Ergebnis versetzte einige Teilnehmer des Kongress‘ in Erstaunen. Denn ein solches Wegenetz sei in Baden-Württemberg mit seiner zwei-Meter-Regel für Waldbenutzer undenkbar. In Hessen hingegen hat die jüngste Novelle des Waldgesetzes 2013 den Weg für solche Projekte geebnet. „Die hiesigen Wanderverbände, der Forst und sogar die Jäger stehen hinter dem Routennetz“, erklärte Fritz Dänner, Geschäftsführer des Naturparks. „Sie sehen weniger eine Bedrohung ihrer eigenen Interessen als vielmehr eine Chance, die Besucher- und Nutzerströme in der Region zu kanalisieren.“ So trage das Routennetz dazu bei, Konflikte erst gar nicht entstehen zu lassen. Davon profitiere der Mountainbiketourismus nachweislich.

Tilman Sobek (links) und Norman Bielig führen durch den Kongress.

Tilman Sobek (links) und Norman Bielig führen durch den Kongress.

Spessart soll MTB-Region Nummer eins im Rhein-Main-Gebiet werden

Bernhard Mosbacher, Geschäftsführer der Spessart Tourismus und Marketing GmbH, will die Region um die beiden Kurstädte Bad Orb und Bad Soden-Salmünster zur Region Nummer eins für Mountainbiker aus dem Rhein-Main-Gebiet entwickeln. „Wir sind nur eine vergleichsweise kleine Destination. Aber auf diesem Level hat der Spessart ein enormes Potenzial. Das wollen wir ausschöpfen.“ Der Mountainbiketourismus sei dabei eingebettet in ein Konzept für Wellness, klassische Kur und Wanderangebote.

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Graubünden: Aufwändige Videoproduktion mit Danny MacAskill

Eine ganz andere Hausnummer — schon allein was das Marketingbudget betrifft — stellt Mountainbiketourismus in Graubünden in der Schweiz dar. Martin Vincenz, Geschäftsführer von Graubünden Ferien, präsentierte in Bad Orb das Marketingkonzept dieser vor allem für den Wintersport herausragenden Region. Aufwändige Videoproduktionen für eine Viertelmillion Franken mit dem Trial-Superstar Danny MacAskill gehören ebenso dazu wie der professionelle Trailbau für mehrere Millionen Franken. Zum Vergleich: Die 650 Kilometer Mountainbikenetz im Spessart ruhen vor allem auf ehrenamtlichen Schultern. Dort fallen lediglich Kosten für Beschilderung und Internetauftritte an.

Alteingesessene Tourismusregionen versus Neulinge ohne touristische Tradition

Entsprechend gibt es auch beim Mountainbiketoursimus-Kongress zwei Richtungen: Auf der einen Seite klassische Tourismusregionen, die mit enormem Aufwand und einer bereits bestehenden Infrastruktur ihr Angebot umgestalten und ausweiten. Auf der anderen Seite Regionen ohne touristische Tradition, die vielfach auf Initiative einzelner und ohne die Wirtschaftsmacht der Etablierten oft Neues schaffen und dabei auch enorme Hürden überwinden.

Andreas Holzer (Kärnten): Professionelle touristische Entwicklung ruht auf vier Säulen

Wobei es auf beiden Seiten auch immer wieder zu Rückschlägen und Skepsis kommt. Dem müsse mit Professionalität begegnet werden, rät Andreas Holzer, der in der Region Villach in Kärnten den Mountainbiketourismus koordiniert. „Es gibt vier aufeinander aufbauende Säulen“, sagt Holzer. „Die Finanzierung muss gesichert sein, es bedarf eines Masterplans als vielleicht wichtigste Säule, die nötige Infrastruktur muss geschaffen werden. Und anschließend muss die Vermarktung stimmen.“ Je verbindlicher die „Lobbyisten des lokalen Mountainbikens“ auftreten, desto erfolgreicher seien deren Initiativen. „Ich empfehle dabei die ehrliche Kommunikation. Besonders im Marketing.“ Man dürfe nichts versprechen, was man nicht halten könne. „Ich bevorzuge Understatement. Lieber überrasche ich die Gäste, statt sie zu enttäuschen.“

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Mountainbiketourismus Zeitenwechsel vom klassischen Biken hin zum E-Bike

Den gesamten Kongress über schwang ein Gefühl von Zeitenwechsel vom klassischen Mountainbike hin zum E-Bike mit. Für Elias Walser, der die Olympiaregion Seefeld zur führenden E-Mountainbike-Destination in Europa machen will, ist das „E-Biken das neue Skifahren“. Dies beinhalte auch ein ähnliches finanzielles Potenzial. Wir wollen nicht die Nummer 187 im Mountainbiketourismus werden. Der Zug ist abgefahren.“ Darum konzentriere sich Seefeld bewusst auf das Thema E-Bike.

Die besten E-MTBs 2019: Der große ElektroRad-Test!

Transalp-Pionier Uli Stanciu sieht im Elektromotor noch eine weitere Komponente: „Das E-MTB wird das Mountainbiken demokratisieren“, sagte Stanciu. Denn der Fahrer entscheide nun selbst, ob er an seine körperlichen Grenzen gehen will. „Man kann sich auf dem E-MTB total auspowern. Man muss es aber nicht.“ Dies biete auch Chancen, Urlauber ohne sportlichen Hintergrund anzusprechen.

Ingo Froböse nähert sich dem Thema "Flow" wissenschaftlich.

Ingo Froböse nähert sich dem Thema „Flow“ wissenschaftlich.

Stanciu widersprach Ingo Froböse: „Für mich ist das Flow-Gefühl auf dem E-MTB sogar intensiver als auf dem klassischen Mountainbike. Und das liegt nicht nur an der viel satteren Straßenlage eines schweren E-Bikes mit fetten Reifen.“

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