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Patria, Fahrräder, Fahrradrahmen, Ostwestfalen, Made in Germany

Firmenbesuch bei Patria: Fahrräder aus Ostwestfalen

Stählernes Handwerk

Firmenbesuch bei Patria: Fahrräder aus Ostwestfalen

Viel Stahl, ein komplexes Messwerkzeug und sehr viel Erfahrung – das sind die Zutaten für die feinen Fahrräder der Marke Patria. Ein Lokaltermin in der ehemaligen Fahrradregion Ostwestfalen.
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Disclaimer: Dieser Artikel erschien in der aktiv Radfahren 4/2016.

Am liebsten würde ich es Ihnen mal am Rechner zeigen.“ Und schon rollt Jochen Kleinebenne auf seinem Bürostuhl rüber zum Schreibtisch. Auf dem Bildschirm erscheint ein Programm mit vielen Eingabefeldern und einer Strichgrafik, die sich als Fahrradrahmen herausstellt. Ein Klick hier, einer da, mit jeder Eingabe wächst der digitale Rahmen, reckt erst die Nase in die Höhe, dann den Hintern.

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Fahrräder und Rahmenbau von Patria: „Familienbude“

Jochen Kleinebenne ist Fahrradrahmenbauer in der 3. Generation und Inhaber wie Geschäftsführer der Firma Kleinebenne GmbH Patria Fahrräder. 1995 hat er sie von seinem Vater übernommen und auf neue Füße gestellt. Denn damals verlagerte sich die Fahrradrahmenproduktion nach Asien, während hier die Absatzzahlen einbrachen.

Die Firma hat ihren Sitz in Oerlinghausen, ein kleiner Ort zentral gelegen im ostwestfälischen Dreieck Paderborn, Detmold, Bielefeld. Die Region war einmal das Herz der deutschen Fahrradindustrie. Und so wundert es nicht, dass schon der Großvater als Werkmeister bei Dürkopp Fahrräder gebaut hat. In der Not der Nachkriegsjahre hat er sich dann selbständig gemacht mit einer Fahrradwerkstatt und dem Wiederverwerten von Altreifen. Rahmenbau war ein weiteres Standbein. Und wie üblich halfen auch die Söhne bei der Arbeit.

Was laut Jochen Kleinebenne als „Familienbude“ angefangen hat, wuchs beständig. Vor allem mit dem Rahmenbau machte sie sich durch hohe Qualität einen sehr guten Namen. Mehrere Hundert Rahmen verließen die Produktion in der Woche. Abnehmer waren Großkunden, darunter namhafte Markenanbieter wie Epple.

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Jochen Kleinebenne präsentiert den Rahmenkalkulator.

Patria-Fahrräder: Fokus auf Stahl

Auch heute hat die Marke Patria einen exzellenten Ruf. Allerdings ging mit dem Neustart eine Fokussierung auf ausschließlich handgefertigte, hochwertige Stahlräder einher. Verkauft werden sie allein über den Fachhandel an Endkunden. Damit ist sie eine der wenigen, übriggebliebenen Firmen, die Fahrräder komplett in Deutschland produzieren.

Mit 20 Mitarbeitern, 8 davon allein im Rahmenbau, lässt sich die Nachfrage gut bewältigen. „Das ist eine gute Größe, um ein Team zu sein.“ Mit diesem Team erzielt Patria eine hohe Fertigungstiefe: „Jede Naht am Rad ist hier gesetzt.“

Einige kleinere Teile werden aber auch zugeliefert, etwa von Maschinenbaufirmen aus der Nähe. Die Basis für die Fahrräder bilden hochwertige Präzisionsrohre aus Chrom-Molybdän-Stahl, kurz Chromo genannt. Sie kommen von Columbus aus Italien oder von Poppe & Potthoff, einem Metallverarbeiter ebenfalls aus Ostwestfalen.

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Bei Patria sind Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung am Werk.

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Ein roher Rahmen sieht zwar nicht schön aus. Experten erkennen aber die hohe Qualität an den Lötstellen.

Auf den Kunden zugeschnittene Fahrradrahmen

21 Grundmodelle plus 2 Pedelecs hat Patria im Angebot. Mit vielen Varianten und unzähligen Ausstattungsoptionen wird die Auswahl beinahe riesig. Die Modellpalette umfasst klassische Stadt-, Reise- und Trekkingräder sowie schnelle Sportler und sogar Mountainbikes. Die Preise beginnen bei rund 800 Euro, die Mehrzahl der Räder liegt aber klar darüber.

Zu einem der wichtigsten Merkmale der Firma hat sich über die Jahre der Maßrahmenbau entwickelt. Also wörtlich den Kunden auf den Leib zugeschnittene Fahrradrahmen. Der Aufpreis dafür beträgt gut 180 Euro. Das sind bei einem Rad für rund 2000 Euro nicht einmal 10 Prozent des Endpreises.

„Der Mensch ist zu komplex, um das theoretisch darzustellen.“ Jochen Kleinebenne

Wohl ein Grund, warum inzwischen etwa jedes dritte Fahrrad auf Maß gefertigt ist, trotz 160 verschiedener Standard-Geometrien. Einen anderen Grund sieht Jochen Kleinebenne darin, dass „zu uns die Kunden kommen, die woanders auf Probleme stoßen“. Er nennt etwa die „Fußballerfiguren“ mit den kurzen oder die Läufer mit den ganz langen Beinen.

Um jedem Kunden das richtige Rad verkaufen zu können, ist für den Firmenchef die Arbeit der Händler enorm wichtig. Erst mit ihrer Erfahrung und Nähe zum Kunden wird aus der Beratung ein Erfolg, für alle Seiten. Ein ganz zentrales Element ist dabei der Velochecker. Ohne ihn ist das System Patria nicht vollständig. Jochen Kleinebenne ist überzeugt, „es geht nur so. Der Mensch und seine Umsetzung auf eine passende Geometrie ist zu komplex, um das theoretisch zu lösen“.

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Das Messfahrrad Velochecker: Auf dem Bock

Der Velochecker ist ein clever konstruierter Messbock, eine Art kompaktes Messfahrrad, das Patria entwickelt hat und natürlich auch baut. An ihm lassen sich wichtige Maße einer Fahrradgeometrie verändern und einstellen, um die zu den Kunden passenden Werte zu ermitteln, mit denen dann das maßgeschneiderte Fahrrad entstehen kann. Etwa 100 Patria-Händler haben ihn bereits.

Wenn die Kunden auf dem Messrad sitzen „und merken, hier wird mir geholfen, dann sind sie zufrieden“. Mit einer erfahrenen Beratung spüren sie auf dem Velochecker direkt, wie sich die Veränderungen auswirken.

Die beim Händler ermittelten Werte und Informationen landen auf dem Schreibtisch von Jochen Kleinebenne und schließlich in besagtem Rahmenkalkulator. Ob nun Maßrahmen oder Standardwerte, am Ende entsteht immer eine Konstruktionszeichnung, die dann als Vorlage für den Rahmenbau und die Montage dient.

Von Blau nach Gelb

Die Rahmenbauwerkstatt hat ihren Platz im kleineren Teil der zweiteiligen Produktionshalle. Hier faucht es vielstimmig, wenn die spitzen blauen Lötflammen das Lot zum Schmelzen bringen und sich in züngelndes Gelb verwandeln. Vom lauten Knall, der beim Zünden des Brenners an der Starterflamme entsteht, lässt sich niemand hier aus der konzentrierten Ruhe bringen.

Die Arbeitsplätze verteilen sich lose rund um die Werkstatt. Mal sind die fragmentarischen Fahrradrahmen in eine Rahmenlehre gespannt, mal hängen sie freischwebend am ausgestreckten Arm einer Halteklammer. Rahmen, in Teilen oder ganz, hängen und stehen in jeder Ecke, an der Wand und an Regalen. Kurze und meterlange Rohrstücke warten dagegen noch auf ihre Verarbeitung. Aufeinandergestapelte Gitterboxen präsentieren unzählige Muffen und andere Kleinteile.

Wer hier was ganz genau macht, ist für Außenstehende nicht so leicht nachzuvollziehen. Jedenfalls wird in klassischer Muffenbauweise jeder Rahmen Stück für Stück zusammengesetzt. Erst das zentrale Dreieck, dann wird der Hinterbau angelötet. Zunächst werden die Einzelteile nur punktförmig verbunden, man spricht vom Anheften. Erst in einem zweiten Schritt werden die Lötstellen komplett geschlossen. Wichtig ist dabei, dass das Lot gleichmäßig und kon­trolliert zwischen Rohr und Muffe zerläuft und der Stahl nicht überhitzt wird. Dafür benötigt man außer der richtigen Temperatur und Dauer viel Gefühl und sehr viel Erfahrung.

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Unter leuchtend gelber Flamme verteilt sich das Lot.

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Die „ewige“ Zündflamme.

Schrittweise zum fertigen Patria-Fahrrad

Die Montagehalle ist der deutlich größere Teil des Gebäudes. Sie ist groß und hoch. Gleich an die Wand zur Rahmenbauwerkstatt drückt sich der große Sandstrahl-Schrank. Er wirkt massiv wie ein Bunker, seine schwarze Öffnung, die schweren, schmutzig grünen Flügeltüren und die knirschenden Reste von Sand auf dem Boden – zusammen mit den Stahlträgern und der Laufkatze unter der Hallendecke hat das durchaus was von Schwerindustrie.

Und trotzdem schafft es dieser massige Block nicht, die Halle zu dominieren. Denn übermannshohe Regale unterteilen sie in zahlreiche Nischen und Arbeitsräume. In Ecken und an Wänden stapeln sich Kisten und Kartons, Fahrräder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gruppieren sich hier und da. Am anderen Ende der Halle hat der Lackierer sein Reich mit Pulverkabine, Brennofen und umlaufenden Hängebändern für die fertig beschichteten Rahmen.

Auf verwundenen Wegen durch die Montagehalle entwickelt sich also nach und nach aus den unansehnlichen Rohrrahmen das fertige Fahrrad, bekommt Farbe, Gabel, die Schaltung, die Räder und schließlich das bekannte Steuerrohrlogo mit dem Ritterhelm, bevor es, verpackt, durch das kleine Rolltor verladen wird und damit die liebevoll lebendige Halle verlässt.

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Der Sandstrahlschrank mit dem schönen Charme von Schwerindustrie.

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Rahmen warten auf die Weiterverarbeitung.

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Feinschliff - selbst kleinste Unreinheiten haben keine Überlebenschance.

Konzept von Patria geht auf

Aus heutiger Sicht erwies sich der Neuanfang wohl als Glücksfall. Denn das Konzept ist durchaus erfolgreich. Zwar ist man von den Größenordnungen früherer Jahre weit entfernt. Aber das ist auch durchaus gewollt. Schließlich entstehen so Fahrräder höchster Güte, auf die Patria immerhin 15 Jahre Garantie geben kann. „Erst wenn man ein Fahrrad in so einer Qualität bauen kann, macht der ganze Maßrahmenbau Sinn“, ist Jochen Kleinebenne überzeugt.

Nichts steht dabei so sehr für das System Patria wie der scheinbar kleine, aber doch mächtige Rahmenkalkulator. In ihm stecken alle Ideen. Zu Grunde liegen ihm ein großes Erfahrungswissen und die Daten aus zahlreichen Vermessungen. Entwickelt hat es Jochen Kleinebenne selbst. Es ist eben alles „Made in Ostwestfalen“.

Mehr Informationen zu Patria finden Sie auf www.patria.net

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