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Kinder auf Rädern: Eine Familie im Fahrradurlaub

Auf großer Tour: Fahrradurlaub mit fünf Kindern

Kinder auf Rädern: Eine Familie im Fahrradurlaub

Fünf Kinder und dann Fahrradurlaub - geht das? Familie Wottge beweist es. Der Reisebericht von Papa Marco zeigt die aufregenden aber auch schönen Momente.
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Es ist 11:56 Uhr am Karlsruher Hauptbahnhof. Nach zehn Minuten Verspätung ertönt die ersehnte Durchsage: „Achtung an Gleis 3. Der ICE 76 von Basel nach Hamburg Altona fährt ein.“ „Jetzt geht es los“, verkündet die neunjährige Lotta. Sie sieht dem einfahrenden Zug entgegen und lächelt voller Vorfreude. Katja hingegen schaut sorgenvoll. Sie hat Angst, beim Einstieg eines der 22 Gepäckstücke zu verlieren. Der Plan sieht wie folgt aus: Lotta und ich verladen die sechs Fahrräder, den Lastenanhänger und den Kinderfahrradanhänger. Während Clara – mit ihren dreizehn Jahren das älteste Kind – zusammen mit ihrer sechsjährigen Schwester Frieda die Gepäckstücke zu den Sitzplätzen trägt. Katja passt auf die beiden jüngsten Kinder Hannah und Mathilde auf.

Der Zug hält an. „Mist! Unser Wagen hält an der falschen Stelle“, entfährt es Katja. Zum Einstieg des Fahrradabteils sind es ca. 30 m. Während Lotta und ich jeweils ein Fahrrad nach dem anderen zum Einstieg schieben, beginnen Clara und Frieda mit dem Verladen der Gepäckstücke. Durch die verspätete Einfahrt bleiben nur wenige Minuten bis zur Weiterfahrt. Der Plan war zu optimistisch. Es sind zu viele Gepäckstücke und zu viele Fahrräder für zu wenige Hände.

Als der Zug sechs Minuten später losfährt, blicken meine Frau und ich uns bangend an. „Ich weiß nicht, ob wir alle Taschen haben. Ich habe den Überblick verloren“, sagt Katja mit schnellen Atemzügen. Unabhängig davon sind wir dankbar und überwältigt von den vielen Händen, die uns halfen, Gepäck und Fahrräder zu verladen. Ein Nachzählen bringt Gewissheit und Erleichterung: Gepäck und Kinder sind vollzählig.

Zehn Etappen mit je 30 km

In zehn Etappen mit jeweils rund 30 km geht die Radreise von Hamburg über Sankt Margarethen und Schwedeneck bis nach Kiel. Und von dort mit dem Zug über Hamburg wieder zurück nach Karlsruhe. Die Tages­etappen sind so gewählt, dass auch die vierjährige Hannah und die sechsjährige Frieda – die beiden jüngsten Fahrerinnen – mitradeln können. Damit ihnen die Tour trotz Gepäck nicht zu schwer fällt, fahren sie mit einem selbst umgebauten Kinder-E-Bike. Als Schlafplatz dienen zwei 4-Personen-Zelte.

Es ist die zweite Tagesetappe. Die Mittagssonne steht am wolkenlosen Himmel. Durch Lautsprecher erklingt die Nationalhymne Panamas. Die Lautsprecher sind an einem Steg installiert, auf dem in drei Meter großen Buchstaben die Aufschrift „WILLKOMMHÖFT WEDEL“ prangt. Lotta, Frieda, Hannah und Mathilde wachen aus ihrem Mittagsschlaf auf. Sie liegen auf einer Wiese vor der Schiffsbegrüßungsanlage Wedel, wo Schiffe mit ihrer Nationalhymne begrüßt werden. Die ersten sechs Kilometer der zweiten Etappe vom ElbeCamp zwischen Blankenese und Rissen zum Elbdeich-Camping in Kollmar liegen hinter ihnen. Auf der Elbe fährt das Containerschiff „Ever Greet“ aus Panama an uns vorbei. Die Kinder blicken gebannt auf den Koloss aus Stahl voller Container, der sich Richtung Hamburg bewegt. Über Lautsprecher erfahren die Kinder noch, dass das Schiff letztes Jahr gebaut wurde und 399 mal 59 Meter misst. Katja und Clara kehren inzwischen vom Tageseinkauf zurück. Die Mittagspause ist vorbei. Gemeinsam setzen wir die Etappe fort.

Der Radweg nach Kollmar führt rund 25 km ohne nennenswerten Anstieg am Deich entlang, vorbei an der Wedeler Marsch und am Naturschutzgebiet Haseldorfer Binnenelbe. Den Weg säumen vertrocknete Wiesen­flächen, auf denen hin und wieder Schafe weiden. Mit etwas Glück kann man an den Flussufern Watvögel wie die langschnäbelige Bekassine oder den schwarz-weiß gefiederten Austernfischer, der mitunter scherzhaft auch Halligstorch genannt wird, beobachten. Die über viele Kilometer monotone Streckenführung wirkt einerseits beruhigend, erschwert aber andererseits die Tour. Keine Wolke und kein Baum stellen sich der Sonne hier in den Weg. Die Temperaturen liegen seit Tagen konstant über 30°C. Der Schweiß läuft Gesichter, Arme und Beine hinunter. Die Intervalle zwischen den Trink- und Essenspausen werden kürzer. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt ca. ­8 km/h. Was die Kinder nicht wissen: Wir fahren unter Zeitdruck. Das Krückau-Sperrwerk kurz vor Kollmar hat nur bis 15:15 Uhr für Radfahrer geöffnet. Die Alternative ist ein 20-Kilometer-Umweg über Elmshorn. Uns bleiben noch 1,5 Stunden für 10 Kilometer. Über unsere Lage aufgeklärt, treiben Clara und Lotta ihre jüngeren Geschwister an. Hannah fährt fortan mit schmerzverzehrtem Gesicht etwas zügiger. Die Anstrengung lohnt sich. Wir erreichen rechtzeitig das Sperrwerk und wenig später auch den Campingplatz. Geschafft.

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Manche Repaturen müssen sein

Bei der Anmeldung begrüßt uns der Inhaber Johann von Drathen – ein rüstiger, älterer Herr mit weißen Haaren, welcher nicht nur die Sanitärgebäude selbst reinigt, sondern auch hier und da regelmäßig nach dem Rechten sieht. Am Zeltplatz angekommen, fällt die Anspannung der letzten Stunden ab. Für das Zeltaufbauen fehlt allen die Kraft. Wir legen uns erstmal in den Schatten junger Heckenkirschen. Bei der Inspektion offenbart sich die nächste Hürde: Ein E-Bike-Akku der Kinderfahrräder lässt sich nicht mehr laden. Ein Problem, welches sich vermutlich nicht mit Schraubendreher oder Inbusschlüssel lösen lässt. Beim Öffnen des Akkus bestätigt sich der Verdacht. Eine Lötstelle am Batteriemanagementsystem ist defekt. Was nun?

Fährt Frieda den Rest der Tour ohne Akku, braucht sie wahrscheinlich nach wenigen Kilometern jemanden, der sie anschiebt. Katja zieht bereits den Lastenanhänger und ich ziehe den Kinderanhänger mit Mathilde. Meine Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Ich klammere mich an einen Strohhalm und frage Johann von Drathen, ob er mir Lötkolben und Lötzinn ausleihen kann. Nach ein paar skeptischen Fragen, wozu ich denn das Werkzeug benötige, halte ich es glücklich in den Händen. Am Abend sitze ich auf den weißen Bodenfliesen des Sanitärgebäudes – denn nur hier sind öffentliche Steckdosen – und löte die unterbrochene Leitung wieder an. Als die grüne Lade-LED des Netzteils leuchtet, ist auch dieses Problem Vergangenheit und der Abend gerettet.
Nach einem Tag Pause geht die Reise weiter über Glückstadt nach Sankt Margarethen. Die zweite Hälfte der Strecke führt direkt an der Elbe entlang, welche durch ihren Sandstrand zum Baden einlädt. Die Kinder genießen die nasse Erfrischung während ­vis-à-vis das Saugbaggerschiff „James Cook“ den Schlick der Elbe wegbaggert, um das Fahrwasser zu verbreitern und zu vertiefen. Um 17:15 Uhr klingelt Katja am Pfarrhaus der Ev.-Luth. Kirchengemeinde in Sankt Margarethen. Pastor Eckart Grulke öffnet die Tür, begrüßt uns freundlich und führt uns hinter das Gemeindehaus zu einer Wiese. Unser Schlafplatz für diese Nacht. Nach dem Abendessen im Gemeindesaal, den wir dankenswerterweise mitbenutzen dürfen, entdecken die Kinder den Spieleschrank. Während die Kinder beim Spiel „Tempo, kleine Schnecke!“ mit Eifer ihre Schnecke anspornen, genießen wir Erwachsenen den ruhigen Moment. Abends überrascht uns die Pfarrersfrau noch mit sieben Schüsseln, gefüllt mit Vanilleeis und Früchten. Die Freude – vor allem bei den Kindern – ist riesengroß.

Am nächsten Tag lassen wir die Elbe, die Deiche und die Weite hinter uns. Unser Ziel die alte Schule in Vorder-Neuendorf. Hier wohnt Bernd-Ronald Friedrichs, genannt Donald. Er ist Mitglied im Dachgeberverzeichnis und bietet Reisenden einen Schlafplatz in seinem Garten oder Haus an. Weil wir die Bundesstraße 431 meiden, schlängelt sich unsere Route über Landstraßen und teils holprige Waldwege. Kleine Baumreihen entlang der Wege spenden erholsamen Schatten und lassen uns aufatmen. Hinter den Baumreihen erstrecken sich weite Rapsfelder. Bei Kudensee setzen wir mit der Kanalfähre auf die andere Seite des Nord-Ostsee-Kanals über. Die Kanalfähre ist wie ein fahrendes Stück Straße. Auf zwei Spuren parken Autos. Am Rand ist Platz für Fahrräder und Fußgänger reserviert. Auf einer Bank kann man den Blick auf den Nord-Ostsee-Kanal genießen. Trotz der Schatten spendenden Bäume auf der anderen Seite entpuppt sich der Weg direkt am Kanal entlang jedoch als unüberwindliches Hindernis. Denn die Spurweite des Kinderanhängers ist breiter als der Betonstreifen des Radweges. Mathilde tut ihren Unmut über die acht Kilometer lange und holprige Strecke mit Schreien kund. Es bleibt nur noch schieben. Ich fluche über unsere falsche Streckenplanung. Mit der Kanalfähre bei Burg setzen wir auf die andere Kanalseite über und beenden diese Episode.

Den Rest der Strecke fahren wir auf der fast menschenleeren Landstraße L135 durch die Wilstermarsch, passieren mit 3,54 m unter NN die tiefste Landstelle Deutschlands und erreichen gegen 18:00 Uhr die alte Schule in Vorder-Neuendorf. Katja klingelt. Kurz darauf begrüßt uns Donald mit einem Lächeln im Gesicht. Er trägt einen hellen Hut, unter dem sein lockiges Haar hervorquillt und seine braune Hautfarbe verrät, dass er viel Zeit im Freien verbringt. Das Anwesen entpuppt sich für unsere Kinder als wahrer Outdoor-Erlebnis-Park. Donald, der Fahrrad­enthusiast, besitzt allerlei Fortbewegungsmittel. Mathilde schiebt freudestrahlend ein 12-Zoll-Fahrrad über den Hof. Clara steuert ein Kindertretauto und lädt nacheinander alle ihre Geschwister ein – Mathilde nimmt im Anhänger Platz. Nach dieser Ausfahrt erkunden die Kinder den weitläufigen Garten. Sie springen ausgelassen auf einem Riesentrampolin und schwingen, von Donald angeschubst, an einer rund 10 Meter langen Liane im Kreis. Während die Kinder spielen, hilft mir Donald bei der Reparatur von Claras Fahrrad – nach einem Sturz war eine Einstellschraube am Bremszug verbogen. Nach fast zwei Stunden toben, springen, fahren und schieben, schlummern unsere Kinder friedlich in ihren Schlafsäcken.

Donalds Fahrrad

Am nächsten Morgen flehen uns die Kinder an, noch länger bei Donald zu bleiben. Auch wenn wir dieser Bitte gerne nachgekommen wären, zwingen uns Reservierungen auf Campingplätzen zur Weiterfahrt. Widerwillig besteigen Clara, Lotta, Frieda und Hannah ihr Fahrrad. Die Stimmung der Kinder bessert sich, als sie erfahren, dass Donald uns einen Teil der Strecke begleitet. Sie bestaunen sein Pedersen-Fahrrad, welches sich durch die dreieckige Rahmenkonstruktion und die Sattelaufhängung deutlich von üblichen Fahrradmodellen unterscheidet. Der ursprüngliche Plan sah vor, durch das Herrenmoor bei Kleve bis Nutteln zu fahren und dann der Hauptstraße nach Vaale zu folgen. Weil dieser Weg jedoch nach Donalds Auskunft nur teilweise befestigt ist und mit deutlichen Steigungen aufwartet, fahren wir die Strecke über Vaalermoor bis Vaale. Cirruswolken dämpfen an diesem Morgen spürbar die Kraft der Sonne und so kommen wir entlang der Straße zügig voran. Dem Blick abseits der Straße offenbaren sich ausgedehnte Weideflächen. Auf der Vaalermoorer Straße kann man im Nordwesten von Weitem die Eisenbahnhochbrücke Hochdonn bewundern. Die imposante Stahl­konstruktion mit einer Durchfahrtshöhe von 56 Metern überm Wasser verbindet die 237 Kilometer lange, durchgehende Eisenbahnstrecke von Hamburg-Altona nach Westerland auf Sylt. Nach dem Übersetzen mit der Fähre auf die andere Seite des Nord-Ostsee-Kanals bei Hochdonn Süd ist es nur ein kleiner Weg bis zur ersten größeren Pausenstation. Hinter dem Campingplatz Klein-Westerland, welcher direkt am Nord-Ostsee-Kanal liegt, befindet sich die Wendestelle Dückerswisch – eine Ausbuchtung des Kanals, in der auch das Baden erlaubt ist. Zusammen mit Donald planschen unsere Kinder im Wasser und bestaunen die vorbeischleichenden Schiffskolosse. Während sich Donald hier von uns verabschiedet und wieder den Rückweg zur alten Schule antritt, setzen wir unsere Tour nach Albersdorf fort.

Gegen 16:00 Uhr erreichen wir einen von knapp 20 wilden Übernachtungsplätzen in Schleswig-Holstein. Er liegt im öffentlich zugänglichen Bereich des Steinzeitparks in Albersdorf. Auf einem Wiesenhügel von rund zehn Meter Durchmesser steht das aus Originalsteinen nachgebaute Großsteingrab von Frestedt. Am Fuße des Hügels repräsentieren mehrere zwei Meter lange Holzstämme ein Modell zur Fortbewegung schwerer Steine.

Nach unserer Ankunft gilt es zunächst die Wasservorräte aufzufüllen. Gemeinsam mit Frieda trage ich unseren leeren Wasserkanister sowie mehrere Trinkflaschen zum rund ein Kilometer entfernten Eingang des Steinzeitparks. Hier befindet sich die nächste öffentliche Toilette. Zu unserem Glück schließt das Servicegebäude erst um 17:00 Uhr. Gerade noch rechtzeitig füllen wir unsere Trinkwasserbehälter auf und kehren zum Wildcampingplatz zurück. Hinter dem Großsteingrab von Frestedt bauen wir zum fünften Mal beide Zelte auf. Während Katja Hirsotto über dem Campingkocher zubereitet, spielen Hannah und Mathilde auf der Wiese mit den Holzstämmen und Steinen. Clara, Lotta und Frieda erkunden derweil die Umgebung. Es ist ein friedlicher, ruhiger Platz. Nur selten passieren Spaziergänger den Weg. Meine Befürchtung, dass sich unsere Kinder angesichts fehlender sanitärer Einrichtungen und der relativen Abgeschiedenheit unwohl fühlen, bestätigt sich nicht. Nach dem Abendessen lassen wir den Tag bei einem Lagerfeuer unter klarem Sternenhimmel ausklingen.

Unterwegs auf der großen Reise.

Die fünf Kinder im Camping-Glück.

Getrübte Stimmung

Vom Zielort Schwedeneck an der Ostsee, wo wir einen zehntägigen Aufenthalt geplant haben, trennen uns nur noch drei Tagesetappen. Die sechste Tagesetappe führt zum Campingplatz „Bootsmann Camping“ in Breiholz. Gegen 9:00 Uhr sind die Zelte verstaut und alle Kinder bereit zur Abfahrt. Um noch vor der Mittagshitze einen guten Teil der Strecke zu schaffen, verzichten wir darauf, unsere Vorräte im Supermarkt in Albersdorf aufzufüllen. Ausnahmsweise wollen wir unterwegs einen Imbiss oder ein Restaurant aufsuchen. Um den Nord-Ostsee-Kanalradweg zu meiden, fahren wir die Landstraße L 148 über Jützbüttel nach Osterrade. Die Strecke weist keinen nennenswerten Anstieg auf. Für Familientouren ist sie dennoch nicht zu empfehlen, da es für Fahrradfahrer oft keinen separaten Radweg gibt. Problematischer hingegen wird es in ganz anderer Hinsicht. Seit 11:00 Uhr zeigt das Thermometer konstant über 30°C an und wie so oft hat sich keine Wolke an den Himmel verirrt. Weil zudem Bäume am Wegesrand rar sind, fahren wir größtenteils in der Sonne. Entsprechend schnell neigen sich die Trinkwasservorräte dem Ende. Entgegen unserer Planung finden wir weder in Jützbüttel noch in Osterrade eine Möglichkeit zum Einkehren oder Einkaufen. Als wir den Kindern unsere Lage kundtun, trübt sich die Stimmung spürbar ein. Um wenigstens unsere Trinkflaschen aufzufüllen, halten wir in Osterrade vor dem Angelladen „Angelwurm Osterrade“ – das vermutlich letzte Geschäfte für die nächsten 15 Kilometer. Ein Schild an der Eingangstür mit der Aufschrift „Vorübergehend geschlossen!“ zerschlägt unsere Hoffnung. In unserer Not klingele ich an der Haustür gegenüber. Lautes Hundegebell durchschneidet die Stille des Ortes. Instinktiv trete ich ein paar Schritte zurück. Ein Mann mittleren Alters öffnet die Tür. Im Hintergrund sehe ich zwei kräftige Dobermänner, die weiter lauthals bellen und von einer Frau zurückgehalten werden. Ich schildere dem Mann unsere Lage. Er nimmt unseren Kanister und zwei Trinkwasserflaschen entgegen und schließt die Tür. Nach ein paar Minuten öffnet sich die Tür wieder. Eine Frau reicht mir mit einem Lächeln im Gesicht nicht nur unsere aufgefüllten Wasserbehälter, sondern auch für jedes Kind ein Wassereis. Der Zucker zeigt seine Wirkung und gibt den Kindern neue Energie. So gestärkt, können wir unsere Reise fortsetzen.

Kurz hinter Osterrade biegen wir in die Kreisstraße „Zur Eider“ ab. Abseits des Weges erstreckt sich inmitten von Kuhweiden und gelb leuchtenden Rapsfeldern ein Windpark aus über zehn Vestas Windkraftanlagen. Sie gehören zum Bürgerwindpark Wrohm-Osterrade und produzieren bis zu 33 Megawatt. Die imposante Gesamthöhe derartiger Anlagen von rund 122 Metern zieht unweigerlich die Blicke auf sich.

Die Hitze fordert ihren Tribut. Hannah, Frieda und Lotta atmen schwer und fahren langsamer, fast schwerfällig. Doch gutes Zureden und die Aussicht auf eine baldige Badepause an der Eider treibt sie voran. Auch Katja, die sich eine kühle Fahrradtour im Norden erhoffte, gerät angesichts der außergewöhnlichen Temperaturen an ihre Grenzen. Der Schweiß glitzert auf ihrer Haut. Ihr Puls beschleunigt sich, während der Blutdruck sinkt. Gleichzeitig wird ihr zunehmend übel. Alle atmen auf, als wir direkt bei der Eider ein kleines Wäldchen entdecken. Linker Hand führt ein Kiesweg zu einem Privatgrundstück. Ein zwei Meter hohes Tor versperrt den Zugang. Etwas weiter rechts entdecken wir zwischen Büschen und von Brennnesseln umsäumt einen schmalen Trampelpfad zur Eider. Als erste schälen sich Lotta und Frieda aus ihren Sachen und erkunden die Eider. Nur langsam und mit gerümpfter Nase durchqueren sie das mit Kieselalgen bewachsene Flussufer. Nach dieser Hürde schwimmen sie ausgelassen in der kühlen Eider. Katja kratzt derweil unsere Essensreste zusammen: acht Eier, zwei Packungen Knäckebrot, zwei Äpfel, neun Blätterteigschnecken und eine Packung Nüsse. Zehn Minuten später sitzen wir auf unserer Decke und essen Rührei auf Knäckebrot. Es sind noch rund zehn Kilometer bis Breiholz. Weil Katjas Kreislauf weiterhin schwach ist, zieht Clara für den Rest der Strecke den Lastenanhänger. Um 16:30 Uhr treffen wir auf dem Campingplatz Bootsmann in Breiholz ein.

Kreischen vor Freude: Kinder, was für ein Spaß!

Wir stehen auf der Bäderstraße in Schwedeneck und blicken nach Norden. Eingerahmt zwischen dem cyanfarbenen Himmel und goldgelben Getreidefeldern zieht sich ein kobaltblauer Streifen – die Ostsee. Wir jubeln und kreischen vor Freude, als wir die Kronshörn – einen rund 400 Meter langen Abhang zum Campingplatz Grönwohld – hinunterbrausen. Nach zwei Nächten auf dem Campingplatz in Breiholz und einer Nacht auf der Gemeindewiese in Sehestedt erreichen wir am Freitag, dem vierzehnten Tourtag, kurz nach 15:00 Uhr unser Ziel. Nun heißt es ankommen.

Der Campingplatz Grönwohld bietet 450 Plätze für Dauercamper und 150 Plätze für Urlauber auf einer Gesamtfläche von rund 18 Hektar. Sein Zelt kann man entweder auf der Familienwiese im Süden neben Mobilhomes und Ferienhäusern aufbauen oder im Osten mit kurzem Weg zum Strand. Auf Empfehlung der Empfangsdame führt uns Katja zur Zeltwiese im Osten. Diese liegt am Rand des Campingplatzes und ist von einem Getreidefeld umgeben. Auf dem rund 70 Meter breiten und 250 Meter langen Platz stehen ein paar Campingbusse und nur vereinzelt Zelte. Wir stellen unsere Fahrräder auf einen Platz am Rand ab, der Ruhe verspricht und eine schöne Aussicht auf das scheinbar wildwachsende, grün-gelbe Getreidefeld bietet. Lotta, Clara und ich breiten die Zelte zum Trocknen auf der Wiese in der Sonne aus, da diese noch vom morgendlichen Kondenswasser feucht sind. Danach spazieren wir an der Bootswiese vorbei durch die mit Strandhafer und Gras bewachsenen Dünen zur Ostsee.
Feiner Sand bedeckt den Strand. Die seichten Wellen umspülen die bunten Kieselsteine am Ufer. Während Clara, Lotta und Frieda weiter und weiter Richtung Horizont schwimmen, stehen Mathilde und Hannah am Ufer. Die Brandung umspült ihre nackten Füße. Hannah blickt zu ihren Schwestern und ruft ihnen zu: „Wartet auf mich!“ Wenige Sekunden später sieht man nur noch Hannahs Kopf mit den Wellen auf und nieder schaukeln. Ihr Schwimmgurt hält sie sicher über Wasser.
atja nimmt Mathilde an die Hand und führt sie in kleinen Schritten über den steinigen Untergrund ins Wasser. Die salzige Ostsee spült den Schweiß von der klebrigen Haut. Beim Schwimmen, Tauchen und Planschen verblassen die Strapazen der letzten Tage. Ein Gefühl der inneren Zufriedenheit breitet sich aus.

Als wir zwei Stunden später auf die Zeltwiese zurückkehren, sind rund vier Wohnmobile, vierzehn Campingbusse, zehn PKWs, sechs Partyzelte und mehrere Campingzelte hinzugekommen. An zwei Plätzen haben sich die Busse und Autos so positioniert, dass sie einen Kreis bilden, in dessen Mitte Party- und Vorzelte einen Regenschutz bilden. Die Nummernschilder verraten, dass die Mehrheit der Urlauber aus den nahegelegenen Großstädten Bremen, Kiel und Hamburg stammen. Entlang des Hauptweges steht ein weinroter Wohnwagen mit etlichen, teils vergilbten Aufklebern. Auf einem Aufkleber steht: „Here comes the sun!“ – als ob diese angesichts der tagelangen Hitze nötig wäre. Der Rost, welcher an einigen Stellen die rote Farbe abgelöst hat, unterstreicht, dass dieses Fahrzeug schon einige Touren erlebt hat. Vom Vordach ausgehend, sind mehrere Leinen wie ein Netz zum Weg hin gespannt. An den Leinen hängen T-Shirts, Kleider, Hüte, Pullover, Hosen, Tücher und Ketten in allen erdenklichen Farbkombinationen. „LACY-SHOP“ prangt in großen Buchstaben auf einer Tafel. Der Fahrer des Wohnwagens, so stellt sich heraus, verkauft auf Campingplätzen Kleidung und Accessoires, die er aus Thailand mitgebracht hat. Clara und Lotta schauen sich die T-Shirts genauer an, finden aber keines, was ihnen zusagt. Hannah und Frieda probieren derweil verschiedene Armbänder an. Während unsere Kinder den ­„LACY-SHOP“ erkunden, füllt sich die Zeltwiese immer weiter.
Aus verschiedenen Himmelsrichtungen dröhnt Musik in die Ohren. Popmusik, RnB und Rock vermischen sich zu einem undefinierbaren Musikmix. Der idyllische Zeltplatz hat sich in eine Open-Air-Party verwandelt. Während wir vor wenigen Tagen in Albersdorf noch die Ruhe und Abgeschiedenheit genießen durften, erleben wir nun Großstädter bei ihrem Partywochenende. Nachts gegen 2:30 Uhr reißt mich Musik aus dem Schlaf. Ich steige etwas schlaftrunken in meine Schuhe und suche die letzte Party­oase auf. Als ich der Gastgeberin erkläre, dass meine Kinder nicht schlafen können, zeigt diese Einsicht und dreht die Musik aus. Am Sonntagnachmittag leert sich die Wiese. Die folgenden Tage sind ruhiger. Abgesehen von einer Tagestour nach Eckernförde verzichten wir auf längere Fahrradausflüge. Schlafen, Essen, Baden, Einkaufen, Sonnen und Duschen bestimmen fortan unseren Tagesablauf.

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In großer Runde

Es sind nur noch zwei Tage bis zur Abreise. Wir sitzen bei unseren Nachbarn um eine aus mehreren Campingtischen zusammengebaute Tafel. Zusammen mit den anderen Gästen sind wir dreizehn Erwachsene und zwölf Kinder. Ein abgebrochener Ast steckt in der Mitte eines Tisches und hält das Sonnensegel über uns. Lichterketten schaffen eine angenehme Atmosphäre. César, ein in Costa Rica geborener Koch aus Bremen, steht vor einer Pfanne mit rund 120 cm Durchmesser und bereitet eine Paella zu. Auf Reis brät er kreisrund angeordnet Meeresfrüchte, Hühnchenschenkel und Gemüse an. Während die Kinder Verstecken und Fangen spielen, tauschen die Erwachsenen ihre Urlaubserlebnisse aus. Ein Pärchen, mit dem ich mich unterhalte, erzählt mir davon, wie sie mit dem dreißig Jahre alten Wohnwagen ihrer (Schwieger-)Eltern Norddeutschland und die polnische Ostsee erkundeten. Um 21:00 Uhr sind unsere Bäuche gefüllt und unsere Kinder müde. Dankbar ob des unterhaltsamen Abends, verabschieden wir uns von der netten Runde.

In 45 Meter Höhe blicken wir auf den Nord-Ostsee-Kanal herab. Obwohl wir zügig zum Kieler Hauptbahnhof wollen, um den Zug nach Hamburg nicht zu verpassen, gönnen wir uns diese Pause auf der Prinz-Heinrich-Brücke in Kiel. Von hier oben wirkt diese künstliche Wasserstraße mit über 100 Metern Breite und 100 Kilometern Länge noch imposanter. Die weitere Fahrt zum Kieler Hauptbahnhof durch die Stadt verläuft ebenso problemlos wie die Fahrt mit dem Regionalexpress nach Hamburg. Zwölf Minuten bevor unser ICE nach Karlsruhe planmäßig am Hamburger Hauptbahnhof hält, liest Katja auf der Anzeigetafel am Bahnsteig: „+++ Zug fällt aus+++Ersatzzug IC+++.“ Der Schrecken steht ihr ins Gesicht geschrieben. „Unsere Reservierungen gelten nicht mehr“, sagt sie zu mir. Mir ist nicht gleich klar, was sie meint, doch dann verstehe ich, dass in dem neuen Zug mit anderen Sitzplätzen, die Reservierungen aus dem ICE nicht übernommen werden. Damit sind auch unsere Stellplatzreservierungen für die Fahrräder hinfällig. Unsicher, wie ich mit der Situation umgehen soll, suche ich eine Angestellte oder einen Angestellten der Deutschen Bahn. Da ich nach ein paar Minuten Suche niemanden finde, kehre ich zu Katja auf den Bahnsteig zurück. Um eine Hektik wie bei der Hinfahrt zu vermeiden, lassen wir die Gepäcktaschen an den Fahrrädern.

Gespannt beobachten wir die Einfahrt des ICs. Im Gegensatz zum ICE erfolgt der Einstieg ebenerdig. Katja geht mit Hannah, Frieda und Mathilde Sitzplätze suchen. Derweil schieben Clara, Lotta und ich die Fahrräder in das Fahrradabteil. „Wow! Ist das viel Platz“, denke ich und atme erleichtert auf. Bis zu sechzehn Fahrräder passen in das Abteil. In aller Ruhe nehmen wir die Packtaschen ab und hängen anschließend die Räder in die Halterungen ein. Katja findet sogar noch sieben freie Sitzplätze in der Nähe der Fahrräder. Der Schreck vom Bahnsteig ist verflogen. Die auffälligen Lagerhäuser der Speicherstadt mit ihrer Backsteinarchitektur schieben sich an den Fenstern vorbei. Zuletzt verabschieden uns die Kräne des Hamburger Hafens. Als ich die Fahrräder nach 24 Tagen wieder zuhause in die Garage schiebe, zeigt der Tacho an Claras Fahrrad 487 km Gesamtstrecke an.

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