Frauenräder: Brauchen Frauen spezielle Fahrräder?

Fahrräder speziell für Frauen: Brauchts das?

Frauenräder: Brauchen Frauen spezielle Fahrräder?

Seit vielen Jahren haben etliche Radhersteller spezielle Frauenräder im Programm. Aber unterscheiden sich Frauen wirklich so stark von Männern, dass sie eigene Räder brauchen? Was sinnvoll ist – und was weniger – lesen Sie hier.
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Frauen sind anders. Männer auch. Was jedes Kind bereits beim Spielen im Kindergarten erfährt, lernen Medizinstudenten in der Anatomie-Vorlesung. Frauen sind im Schnitt kleiner, leichter, haben ein breiteres Becken, schmalere Schultern und einen anderen Körperschwerpunkt als Männer. In Zahlen: Frauen haben eine im Durchschnitt 10 bis 15 Zentimeter geringere Körpergröße, und sie wiegen im Schnitt 20 bis 25 Kilo weniger als Männer. Eine Frau hat durchschnittlich 27 Prozent Fett- und 36 Prozent Muskelmasse, der Mann 15 Prozent Fett und 42 Prozent Muskeln. Bei gleicher Körpergröße sind Arme und Beine von Frauen etwa zehn Prozent kürzer, aber ihr Rumpf ist zwei bis fünf Prozent länger. Die Knochen der Frau sind um etwa 25 Prozent leichter als die eines Mannes, Frauengelenke sind flexibler und ihre Muskeln dehnbarer als die der Männer.

Soweit die Zahlen. Dass sich Frau und Mann unterscheiden, ist also unbestritten. Aber brauchen Frauen deshalb auch andere Fahrräder als Männer? Also nicht die klischeehaften „Damenräder“ mit tiefem Einstieg, Körbchen, Blümchen und in Pastellfarben, sondern wirklich anders: Andere Geometrie, andere Maße, andere Komponenten? Ein wenig Historie: Anfang der 2000er Jahre ist einigen Radherstellern aufgefallen, dass Frauen eigentlich auch eine interessante Zielgruppe sind. Zudem haben sie festgestellt, dass Frauen – oh Wunder – auch gern sportlicher unterwegs sind. Und so hat man begonnen, spezielle Frauenräder zu entwickeln.

Giant, größter Fahrradproduzent der Welt, hat dann 2008 gleich eine eigene Frauenmarke, Liv, aus der Taufe gehoben. Scott legte die Frauenreihe Contessa auf, der kalifornische Mountainbike-Spezialist Santa Cruz lancierte die Juliana-Bikes speziell für Mädels. Große Hersteller wie Trek, Specialized, Canyon und KTM boten und bieten in immer mehr Rad-gattungen eigene Frauenmodelle an – von City- über Trekkingbikes, Mountain- und Gravelbikes bis hin zu Rennrädern und mittlerweile natürlich alles auch elektrifiziert.

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Wie sehen Frauenräder aus?

Ein Blick in die Praxis: Wie sieht ein Frauenrad aus? Reichen wir die Frage weiter an Judith Schäfer, Projekt-Leiterin Liv bei Giant Deutschland: Was ist anders bei Ladybikes? „Frauen haben in der Regel kürzere Oberkörper und in Relation längere Beine. Wenn eine durchschnittliche Frau auf einem normalen Herrenrahmen in ihrer empfohlenen Größe sitzt, ist sie zu stark nach vorne gebeugt und muss sich zu sehr strecken. Das wirkt sich negativ auf die Kraftleistung, auf die Effizienz beim Pedalieren und die Balance zur Kontrolle des Bikes aus. Bei unseren Bikes setzen wir daher auf eine kompakte und etwas aufrechtere Haltung. Gerade als Einsteigerin fühlt man sich so gleich sicherer am Rad.“

Judith Schäfer sieht eine falsche Position auf dem Fahrrad als Grund für diverse Probleme: „Das kann zu Verspannungen und Schmerzen führen, im unteren Rücken und im Nacken, weiter zu Taubheit in den Händen. Zudem rutscht frau unwillkürlich auf dem Sattel immer weiter nach vorn, was dann zu Sitzproblemen führt – eines der häufigsten Ärgernisse, über das Frauen beim Radfahren klagen.“

Bei der Entwicklung der Liv-Modelle kommt der Liv 3F-Design-Prozess zum Einsatz, der auf über tausend Datensätze zur weiblichen Anatomie, zu Größenvarianten und zur Energieumsetzung zurückgreift. Zudem fließen die Erkenntnisse aus vielen Probefahrten der von Liv gesponserten Profi-Radsportlerinnen ein, darunter etwa Marianne Vos, zwölffache Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin auf Straße, Bahn, Mountainbike und querfeldein.

Liv hat in eigenen Untersuchungen festgestellt, dass Frauen im Vergleich zu Männern verhältnismäßig mehr Kraft aus dem Unterkörper als aus dem Oberkörper gewinnen. Judith Schäfer: „Wir verwenden diese Daten, um die Steifigkeit und Nachgiebigkeit unserer Rahmen an die Leistungsanforderungen von Frauen anzupassen, ohne die Festigkeit und Haltbarkeit des Rahmens zu beeinträchtigen. Bei Carbonrahmen liefern uns die Daten ein einzigartiges Layup für ein robustes, aber federleichtes Rad mit besonders hohem Fahrkomfort.“

Liv von Giant, das heißt auch: Fahrräder von Frauen für Frauen.

Frauenräder: Kürzerer Rech, längerer Stack

Von Taiwan in die Schweiz: Scott bedient mit der Contessa-Reihe seit fast zehn Jahren weibliche Bedürfnisse. Pressesprecher Julian Oswald erklärt, was einen Damenrahmen ausmacht: „Ein Contessa-Rahmen hat zunächst einen kleineren Abstand vom Sitzrohr zum Steuerrohr, die Oberrohrlänge ist also geringer. Das Oberrohr fällt außerdem stärker ab als bei den Männervarianten, auch um das Auf- und Absteigen zu erleichtern. Die meisten unserer Damenrahmen haben einen kürzeren Reach, einen längeren Stack und eine geringere Überstandshöhe.“

Zur Erklärung: „Reach“ ist der horizontale Abstand zwischen Tretlagermitte und die Mitte der Oberkante des Steuerrohrs, „Stack“ die vertikale Entfernung. Überstandshöhe ist die Höhe des Oberrohrs über dem Boden; bezogen auf die Schritthöhe der Fahrerin bedeutet eine niedrigere Überstandshöhe, dass die Verletzungsgefahr beim unfreiwilligen Absteigen nach vorne geringer ist. Bei Frauenrädern wird ein geringerer Reach – wie bei allen Rädern – in der Regel über ein kürzeres Oberrohr und zudem einen kürzeren Vorbau erreicht. In Kombination mit einem längeren Stack ist die Sitzposition dann aufrechter und somit komfortabler. Das hat auch Einfluss auf weitere Rahmenmaße wie Lenkwinkel und Radstand.

Jedes Fahrrad hat sechs Bauteile, mit denen Frauen ihr Rad auf sich optimieren können: Lenker (Form, Breite), Schaltgriffe (Position), Vorbau (Länge, Winkel), Sattel (Position, Breite, Form), Kurbel (Länge) und Übersetzung.

Specialized: Abkehr von Frauenfahrrädern

Der amerikanische Hersteller Specialized hat seine Strategie in Sachen Ladybikes mittlerweile überdacht. Hatten die Kalifornier vor zehn Jahren noch etliche Frauenräder im Programm, sind selbige in den letzten Jahren peu à peu ausgelaufen. Christian Köhr von Specialized Deutschland erklärt: „Wir haben durch eine Vielzahl an weltweit durchgeführten Bike-­Fittings mit unserem ‚Retül‘-System herausgefunden, dass der Unterschied zwischen einem Männer- und einem Frauenkörper gar nicht so groß ist, jedenfalls bezogen auf Fahrradrahmen, dass man gesonderte Rahmen für das jeweilige Geschlecht braucht.“

Man habe viel größere Unterschiede innerhalb eines Geschlechts festgestellt, so Köhr weiter, und durch die Vielzahl an Einstellungsmöglichkeiten wie Rahmengröße, Sattelhöhe, Sattellänge, Vorbau, Lenkerhöhe etc. könne man für jede Person ein perfekt abgestimmtes Bike aufbauen, „ganz unabhängig vom Geschlecht, also ‚beyond gender‘“.

Specialized empfiehlt, beim Kauf eines Rads ein Bikefitting mit zu buchen, sagt Christian Köhr, „um Fehlerquellen bei der Einstellung des Bikes zu beseitigen und so langfristig Schmerzen oder gar Schädigungen des Körpers zu vermeiden, die durch Falscheinstellungen auftreten können“.

Zudem rät Köhr Frauen zu besonders angepassten Sätteln: „Unsere ‚Mimic‘-Sattel-Technologie reduziert Schmerzen und Taubheitsgefühle durch verschiedene, geschichtete Materialien, die das Weichgewebe gleichmäßig abstützen und Schwellungen verhindern. Aus eigener Erfahrung kann ich diesen Sattel auch für Männer empfehlen – eine Allzweckwaffe, unabhängig vom Geschlecht.“

Oft braucht es kein spezielles Frauenrad, aber spezifische Anbauteile.

Sinnvoll: ein spezieller Damensattel

Unbequemer Sitz, zu viel Reibung, hoher Druck auf den Sitzknochen – das alles kann ein spezieller Damensattel beheben, weiß auch Judith Schäfer von Liv: „Die Sitzknochen sind bei Frauen meist breiter und deswegen ist die Kontaktfläche bei einem frauenspezifischen Sattel in der Regel größer, der Sattel also insgesamt breiter. Und nicht nur für Frauen zu empfehlen sind Sättel mit einer Aussparung in der Mitte, um den Druck von den empfindlichen Weichteilen zu nehmen, die Blutzirkulation zu verbessern und Taubheit zu verhindern.“

Der Sattel muss auf einer recht kleinen Fläche je nach Sitzposition einen Großteil bis fast das gesamte Körpergewicht tragen. Je aufrechter man sitzt, umso mehr Gewicht trägt der Sattel. Bei sportlicher Sitzposition ist der Sattel in der Regel schmaler, da ein größerer Teil des Gewichts von den Armen mitgetragen wird. Sättel für Frauen sind aus anatomischen Gründen anders als Männersättel: Die Sattelnase ist kürzer, die Sitzfläche etwas breiter und die Sattelmitte mit einer Aussparung oder Vertiefung versehen. Letzteres soll Druck- und Scheuerstellen vermeiden und Durchblutungsstörungen vorbeugen. Händler können die optimale Sattelbreite ermitteln, indem sie die Druckpunkte der Beckenknochen messen.

Vom Sattel zum Lenker: Er ist bei einem Frauenrad in der Regel schmaler (Maßstab ist die Schulterbreite, wie bei allen Rädern; Ausnahme Mountainbike) und über einen kürzeren Vorbau leichter zu erreichen. Weiterhin werden häufig auch die Bremshebel angepasst, damit sie sich leichter erreichen lassen, da Frauen oft kürzere Finger haben. Wer sehr klein ist, sollte eine kürzere Kurbel wählen, um eine bessere Kraftübertragung und Performance zu erreichen. Dies unterscheidet sich allerdings nicht zu sehr von Unisex-Rahmen, die in kleineren Rahmengrößen ebenfalls mit kürzeren Kurbeln ausgestattet sind.

Fazit: Frauen und Männer unterscheiden sich – aber nicht allzu sehr

Zusammengefasst lässt sich festhalten: So sehr unterscheiden sich Frauen und Männer gar nicht – zumindest in Sachen Anatomie auf dem Bike. Zwar haben Frauen tatsächlich oft einen kürzeren Oberkörper und längere Beine als Männer – doch die Differenzen sind relativ klein. Dieser Überzeugung ist auch Robert Kühnen, der mit seiner Firma Bike Engineering in Miesbach in Oberbayern seit vielen Jahren Hersteller, Teams und Radfahrer jedes Geschlechts in Sachen Fahrrad be­rät. „Kaum ein Mensch entspricht der Norm. Daher braucht nicht jede Frau ein Ladybike, genauso wie nicht jedem Mann ein Unisex-Modell perfekt passt. Aber nahezu jedes Unisex-Rad lässt sich mit einem passenden Rahmen über die verbauten Komponenten – Lenker, Vorbau, Sattel, Stütze, Kurbeln – so einstellen, dass es perfekt zum Körper passt.“

Dass man das richtige Rad mit den richtigen Komponenten an nahezu jede Fahrerin und jeden Fahrer anpassen kann, sei auch seine Erfahrung aus hunderten von Bike-Fittings, die er im Lauf der Jahre durchgeführt hat, so Kühnen: „Ich sehe Frauenräder eher als Marketing-Instrument denn als echte Notwendigkeit. Frauen sind ein interessanter Markt, und die Konkurrenz der Hersteller wird immer härter, da besetzt man gerne auch Nischen – vor allem, wenn sie funktionieren.“

Manche Hersteller wenden gegen starke Veränderungen an ihren Bikes ein: Je mehr ein Fahrrad durch andere Komponenten verändert wird, desto weiter entferne man sich von dem Fahrgefühl, das die Entwickler beabsichtigt haben. Lukas Behning von Canyon, das in seiner „WMN“-Reihe rund zwei Dutzend Räder für Frauen anbietet: „Ein Damenrad ist mit einer entsprechenden Geometrie und den passenden Komponenten ausgestattet, sodass wenig Individualisierungen nötig sind – sofern die der Entwicklung zugrundeliegenden Daten denen der Fahrerin einigermaßen entsprechen, sie also nicht zu stark von unseren Ausgangswerten abweicht.“

Wirklich alternativlos sind Frauenräder eigentlich nur für besonders kleine Fahrerinnen: Hier gibt es in allen Frauen-Serien aller Hersteller extra kleine Rahmen mit entsprechend angepassten Geometrien, die im Unisex-Bereich meist nicht verfügbar sind. Und ein spezieller Damensattel ist in den meisten Fällen auch besser als ein Standardmodell. Nicht zuletzt gilt, wie bei jedem Radkauf: Probieren, probieren, probieren …

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