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Scheibenbremse, Test, Fahrrad, Sicherheit

Scheibenbremsen im Test: Sicherheit beim Radfahren

Sicherheit und Kontrolle: Scheibenbremsen im Vergleichstest

Scheibenbremsen im Test: Sicherheit beim Radfahren

Bremsen sorgen für Kontrolle und Sicherheit beim Radfahren. Wir haben elf Scheibenbremsen im Vergleichstest intensiv unter die Lupe genommen.
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Bremsen sind ein entscheidender Faktor für Kontrolle und Sicherheit auf dem Fahrrad. Trotzdem schenken ihnen die meisten Radfahrer kaum Beachtung. Zu Unrecht! Welches Scheibenbremsen-Modell ordentlich zupackt und gleichzeitig handsam ist, zeigt unser Test in der aktiv Radfahren Ausgabe 6/2020.

Scheibenbremsen im Test

Eine oft gehörte Frage beim Radkauf: „Hat das Rad eine XT-Schaltung?“ Gemeint ist das XT-Schaltwerk, auf das die Kundschaft stark achtet. Die Bremsanlage? Egal. Dabei sorgt diese doch für eine kontrollierte Entschleunigung und damit Sicherheit. Ein Grund mehr, aktuellen Scheibenbremsen auf den Zahn zu fühlen.

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Zum Test sind Bremsen geladen, die an Fitness-, Cross-, Trekking-, Reiserad und Mountainbike eine gute Figur machen. Die BigPlayer im Erstausrüstergeschäft (Neuräder) sind Magura, Shimano, Sram und Tektro. Als Edelschmieden gelten Hope und Trickstuff. Die Underdogs: BrakeForceOne, Hayes, TRP.

Bevor die Bremsen an Gabel und Rahmen angebaut werden, sollten die Aufnahmen und Adapter mit einem Spezialwerkzeug plangefräst werden. Der Grund: Meist befindet sich Lack auf Rahmen und Gabel, wodurch die Bremse nie perfekt zur Bremsscheibe ausgerichtet ist. So montiert, liegen die Beläge schief auf, schleifen, quietschen und verschleißen schneller.

Einsatz von Spezialwerkzeug

Beim Arbeiten an Bremsanlagen sollte zudem mit der nötigen Sorgfalt und mit passendem Spezialwerkzeug gearbeitet werden. Wer etwa Beläge mit dem Schraubenzieher auseinander drückt oder Schrauben ohne Drehmomentschlüssel anzieht, riskiert Schäden, die später unnötige Kosten verursachen.

Bevor mit falschem Werkzeug oder gefährlichem Halbwissen an der sicherheitsrelevanten Bremsanlage gearbeitet wird, raten wir: Lieber ab zum Händler!

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Beim Spülen und Entlüften der Bremsanlage am besten auf das Original-Entlüftungsset des Herstellers setzen.

Erstmal müssen Montage und Wartung einfach von der Hand gehen. Auf Tour ist dann wichtig, dass der Bremshebel angenehm in der Hand liegt, die Bremse für gute Kontrolle fein dosierbar ist, eine ausreichende Bremskraft anliegt und die Bremse auch unter hoher Belastung nicht ausfällt. Dazu haben wir den Test in einen Prüfstand- und Praxistest geteilt, um die Probanden bestmöglich miteinander vergleichen zu können.

Bei der Montage setzen alle Hersteller beim Bremssattel auf den Postmount-Standard. Dieser ist einfach und schnell montiert, zudem kann der Bremssattel über ein integriertes Langloch genau zur Bremsscheibe ausgerichtet werden. Beim Bremshebel sind sogenannte Flip-Flop-Modelle von Vorteil, da sie ohne Umbau wahlweise rechts oder links montiert werden können (BFO, Hayes, Magura, Sram).

Wichtig ist dies etwa bei Motorradfahrern, die mit der rechten Hand das Vorderrad abbremsen.

Einstellung der Bremse

Zur Anpassung an individuelle Vorlieben lässt sich an jeder Bremse die Hebelweite zum Lenker justieren. Ohne Werkzeug ist das bei BFO, Hayes, Hope, Shimano XT, Sram und TRP möglich. Mit der Druckpunktverstellung wird geregelt, ob die Bremse schneller oder später anspricht.

Zu finden bei BFO, Hayes, Hope und Sram. Und bei der Leitungsverlegung schwören Ästhetiker auf drehbare Leitungsanschlüsse am Bremssattel, weil diese die Bremsleitung optimal ausrichten. Dieses Feature fehlt leider bei Magura MT Sport, Shimano Deore, Tektro und Trickstuff.

Damit eine Bremse auf Dauer ihre Arbeit einwandfrei verrichtet, gehören Wartung und Service dazu. Hier spielt das Bremsmedium eine wichtige Rolle, denn im Radbereich gibt es aktuell vier verschiedene Typen, die untereinander nicht kompatibel sind! Bremsflüssigkeit (DOT) wie im KFZ-Bereich setzen Hayes, Hope und Sram ein.

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Vorteil von DOT: weltweite Verfügbarkeit in hoher Qualität, günstiger Preis, ein hoher Siedepunkt und das Binden von Wasser. Nachteile: Es unterliegt Alterungserscheinungen, sollte daher jährlich getauscht werden. Seine korrosiven Eigenschaften greifen Oberflächen wie Lacke an.

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Auf dem Markt gibt es diverse Bremsmedien: Mineralöl, Bremsflüssigkeit (DOT), Hydrauliköl (Bionol) sowie Wasser (BFO).

Mineralöle empfehlenswert

Vorteilhafter und immer weiter verbreitet sind indes Mineralöle, wie sie Magura, Shimano, Tektro und TRP einsetzen. Sie sind etwas dickflüssiger als DOT, greifen Oberflächen nicht so aggressiv an und brauchen keinen regelmäßigen Wechsel. Allerdings gibt es keinen Standard für Mineralöle, daher sollte nur die jeweilig vorgeschriebene Variante bei einer Bremse eingesetzt werden. Auch die Verfügbarkeit ist daher ab und an eingeschränkt.

Hydrauliköl wird bei Trickstuff eingesetzt. Das sogenannte Bionol wird in Deutschland aus nachwachsenden und biologisch abbaubaren Pflanzenölen hergestellt, ist giftklassefrei, toxikologisch unbedenklich und sogar für die Lebensmittelproduktion zugelassen! Es ist sehr dünnflüssig, druckstabil und bietet einen hohen Siedepunkt.

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Einziger Nachteil: der sehr hohe Preis. Wasser ist der absolute Exot und findet sich bei BFO. Positiv ist die hohe Druckstabilität, Dünnflüssigkeit und das hohe Wärmeaufnahmevermögen. Zudem ist es billig, überall zu bekommen und an sich umweltfreundlich. Allerdings wird es bei BFO mit Frostschutzadditiven versetzt, um bei tiefen Temperaturen nicht einzufrieren.

Beim Spülen und Entlüften des Bremssystems achten wir auf eine gute Zugänglichkeit und Bedienung der Serviceports sowie den Entlüftungsvorgang an sich. Shimano XT und Sram sind hier perfekt. Bei Hope muss der Deckel des Ausgleichsbehälters abgeschraubt werden, das nervt und geht besser.

Verschleiß regelmäßig überprüfen

Beim Verschleißcheck gilt: Nicht nur die Beläge sollten regelmäßig überprüft werden. Verschleißangaben auf den Bremsscheiben finden sich allerdings nur bei Hayes, Magura, Shimano und Sram.

Die Bremskraft ergibt sich aus dem Übersetzungsverhältnis des Bremshebels zum -sattel, der Scheibengröße sowie dem Zusammenspiel von Belag und Bremsscheibe. Mit steigender Scheibengröße wird die benötigte Handkraft bei gleicher Verzögerungsleistung reduziert, mehr Wärme aufgenommen und damit die Standfestigkeit verbessert.

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Den Belägen kommt eine elementare Aufgabe zu: Sie sind Hauptreibpartner und damit zum Großteil für die Performance einer Bremse verantwortlich. Auf dem Markt gibt es organische, semi- oder Sintermetallbeläge. Die meisten Hersteller haben verschiedene Belagstypen im Portfolio. Alle unterscheiden sich in den Punkten Geräuschentwicklung, Dosierbarkeit, Einbremszeit, Hitzeschirmung und Verschleiß teils beträchtlich.

Aber Vorsicht: Nur bei Trickstuff verliert man bei Fremdbelagsnutzung die Garantie der Bremse nicht! Weiterhin wurde die TRP Bremse exemplarisch mit drei unterschiedlichen Belägen gefahren. Das Ergebnis: Die Bremse zeigt deutliche Unterschiede. Ein Wechsel macht also durchaus Sinn.

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Größe Bremsscheibe: Mehr Power, Dosierbarkeit und Standfestigkeit erhält man durch größere Bremsscheiben (Trickstuff).

Scheibenbremsen einbremsen

Damit die Bremsanlage von Anfang an ihre Leistung abruft, müssen Beläge und Scheibe aufeinander eingebremst werden. Hierbei wird sichergestellt, dass ein Materialtransfer vom Belag auf die Bremsscheibe stattfindet und optimale Reibverhältnisse entstehen.

Torsten Guba von BrakeStuff empfiehlt dazu folgende Vorgehensweise:
1. Wählen Sie eine freie, flache Strecke.
2. Auf circa 20 km/h beschleunigen, im Sattel sitzen bleiben und langsam, gleichmäßig bis auf Schrittgeschwindig keit abbremsen. Wichtig: Bremsungen bis zum Stillstand vermeiden! Diesen Vorgang 20 Mal wiederholen.
3. Nun auf 30 km/h beschleunigen und erneut bis auf Schrittgeschwindigkeit abbremsen. Diesen Vorgang mindestens 10 Mal wiederholen, bis sich die Bremsperformance deutlich verbessert hat.
4. Vor der ersten Ausfahrt das Bremssystem abkühlen lassen. Das war’s!

Um den Bremsen auf den Zahn zu fühlen, beinhaltet der Praxistest Abfahrten auf Teer, Schotter und Waldwegen. Vor jeder Testfahrt wurden die Bremsen mit 180/160 mm Bremsscheiben bestückt, Montage und Wartung bewertet und dann ordnungsgemäß eingebremst.

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Belag: Verschiedene Beläge ermöglichen eine Grobausrichtung an den Einsatzbereich und Kundenwunsch (Tektro).

Test der Scheibenbremsen

Die Trekkingräder wurden zusätzlich mit Packtaschen bestückt, um ein Systemgewicht von 130 kg zu erreichen. Auffällig ist, dass die Hersteller unterschiedliche Gewichtsbeschränkungen angeben: Die Werte reichen von 100 (Tektro), 150 (BFO, Trickstuff, TRP) bis 180 Kilogramm (Magura).

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Alle anderen geben keine Gewichtsbeschränkung vor. Während des Tests wurden Hebelergonomie, Druckpunkt, Dosierbarkeit und Bremskraft überprüft. Diese vier sind subjektiver Natur und nur in der Praxis sprichwörtlich erfahrbar.

Jede Scheibenbremse wurde von mehreren Testern bewertet. Bei der Hebelergonomie wurde auf die Form und Verstellbarkeit des Bremshebels geachtet. Im Test sind Hayes, Sram und Trickstuff die Lieblinge der Tester, gefolgt von Hope, Magura MT Sport und TRP.

Beim Prüfstandtest wurden alle Scheibenbremsen auf ein Rad montiert, welches auf einem Rollenprüfstand fixiert war. Das Prüfprogramm bremste alle Bremsen ordnungsgemäß ein, bis die maximale Bremskraft anlag. Dann durchliefen die Bremsen einen Trocken-, Nass- und Wärmezyklus.

Zusammenarbeit mit Velotech

Der Test basiert auf der DIN-Norm für Bremssysteme und wurde vom Prüfinstitut Velotech in Schweinfurt durchgeführt. Durch die maschinelle Erfassung sind die Prüfwerte objektiv und dadurch direkt miteinander vergleichbar.

Bei der Bremskraft bieten Hayes und Trickstuff mit Abstand die höchste Leistung. Hier reicht ein Finger auch für starke Verzögerungen. Im Vergleich von trockenen zu nassen Bedingungen bremsen Hayes und Magura MT Sport am konstantesten. Hier ändert sich das Bremsverhalten quasi nicht. Und wer mit hohem Systemgewicht oder in langen Abfahrten unterwegs ist, sollte auf die Wärmestandfestigkeit achten.

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Der Prüfstandtest wurde auf einem Rollenprüfstand beim zertifizierten Prüfinstitut Velotech.de in Schweinfurt durchgeführt.

Top sind Sram, Tektro und Trickstuff, weil die Handkräfte fast annähernd gleich bleiben. Der letzte Punkt geht an die Garantie. Alle Hersteller geben zwei Jahre, mehr nicht. Weiter geht nur Magura: Die Schwaben geben fünf Jahre auf Dichtigkeit ihres Bremssystems. Und bei Ersatzbelägen und -bremsscheiben lässt als einziger Hersteller nur Trickstuff Fremdfabrikate zu.

Test-Fazit

Weder große Probleme noch ein Ausfall sind erfreulich! Am Ende stechen fünf Scheibenbremsen hervor: TRP ist durch die Bank gutmütig und problemlos, verdient sich den Preis-Leistungstipp. Wer günstig eine solide Bremse nachrüsten will, kann getrost zum günstigsten Modell, der Magura MT Sport, greifen.

Durchweg gute Noten und ein Liebling der Tester ist die Sram G2. Sie heimst eine Empfehlung ein. Der Testsieg? Geht dank fast perfekter Vorstellung an Hayes und die Edelbremse von Trickstuff.

Die detaillierten Testergebnisse der elf Scheibenbremsen finden Sie in der aktiv Radfahren Ausgabe 6/2020.

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