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Macht Radfahren im Winter glücklich: Ein Dialog zweier Ganzjahresfahrer

Radfahren im Winter: Zwei Ganzjahresfahrer im Dialog

Macht Radfahren im Winter glücklich: Ein Dialog zweier Ganzjahresfahrer

Radfahren im Winter ist gesund und macht glücklich. Oder ist das nur eine verklärte Radler-Romantik? Wir haben mit zwei Ganzjahres-Radfahrern und Bloggern über die harte Realität gesprochen: Andreas Mahler („Ohne Auto im Alltag“) und Patrick von Loringhoven („Born2.Bike“).
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ElektroRad: Das große Thema, das uns alle verbindet, ist das Radfahren und aktuell das Radfahren im Winter. Ihr zwei seid beide begeisterte Ganzjahresfahrer. Andreas Mahler mit dem E-Cargobike, Patrick von Loringhoven mit allem, was zwei Räder hat, schwerpunktmäßig das Gravel-Bike ohne Elektrounterstützung. Andreas, Du betreibst den Fahrrad-Blog „Ohne Auto im Alltag“. Stell Dich bitte kurz unseren Lesern vor. Wer bist Du und was machst Du?

Radfahren im Winter: Ein Dialog

Andreas Mahler: Ich lebe in Augsburg, bin verheiratet, Vater zweier Töchter und arbeite am Uniklinikum als Leiter einer Stabsstelle. Als Familie haben wir 2014 festgestellt, dass wir unser Auto einfach zu wenig bewegen. Also weg damit! Wir hatten dann ein Jahr ein Car-Sharing-Modell – aber haben es nie genutzt. Also haben wir ein E-Lastenrad gekauft. Schnell gab es in der Familie Streit darüber, wer es benutzen darf. Inzwischen hat jedes Familienmitglied sein eigenes E-Cargobike. Und damit sind wir ganzjährig unterwegs. Wenn es hochkommt, fahre ich noch 200 km im Jahr Auto bzw. als Beifahrer mit.

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Patrick (links ) und Andreas (rechts) könnten kaum unterschiedlichere Erwartungen ans Radfahren stellen. Doch im Winter haben beide mit den gleichen Problemen zu kämpfen.

ER: Patrick liebt das Radfahren mindestens genauso sehr. Er ist dem einen oder anderen Leser mit seinem Fahrrad-Blog „Born2.Bike“ bekannt. Wenn Du Dich bitte auch kurz noch vorstellst.
Patrick von Loringhoven: Ja, stimmt, ich fahre wahnsinnig gerne mit dem Fahrrad. Ich lebe ebenfalls in Augsburg, bin verheiratet und habe eine Tochter. Ich arbeite im Außendienst. Als Familie teilen wir uns zu dritt ein Auto, womit ich auch meine Kunden besuche. Aber, darf ich kurz fragen, wie viele Kilometer es zu Dir in die Arbeit sind, Andreas?

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A: Das sind von mir elf Kilometer einfache Strecke bis zum Klinikum.

P: Ok, danke. Meine Anfahrtswege betragen oftmals schon mindestens 100 Kilometer – wobei ich manchmal im Vorfeld auch nicht weiß, ob ich beim Kunden in Radklamotte oder Geschäftsklamotte auftauchen kann. Im Frühjahr bin ich oftmals – fast täglich – nach Dießen am Ammersee gependelt. Das waren 160 Kilometer hin und zurück. Bei schönem Wetter kein Problem. Ich muss auch sagen, dass ich schon mit einem Lastenrad geliebäugelt habe. Aber wir besitzen eine Wohnung in der Altstadt – und haben keine Chance, dort ein Lastenrad sicher unterzustellen. Das Lastenrad ist in meinen Augen auch die einzige Lösung, um ein Auto zu substituieren. Ich nutze das Rad jedoch aus sportlichem Antrieb und bin am liebsten mit dem Gravel-Bike in den Bergen unterwegs.

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Andreas Mahler, Autor des Lastenrad-Blogs „Ohne Auto im Alltag“.

ER: Das heißt: Du bist der typische Schönwetterfahrer?
P: Nein, ich fahre ich auch im Winter gerne mit dem Fahrrad. Allerdings nicht so oft. Und deutlich kürzere Strecken als im Sommer. Für mich ist die Vorbereitung im Winter perfekt, um fit in den Frühling zu starten.

A: Von welchen Streckenlängen sprechen wir bei Dir?

P: Im Winter sind das dann so 30 bis 40 Kilometer, die mir ein- bis zweimal die Woche genügen, um mich ausgepowert zu fühlen. Weil alles schwerer geht und es dir richtig die Kraft aus den Beinen saugt. Klamotten, breite Reifen, rutschiger Untergrund und so weiter.

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ER: Streckenlänge und Wetter kann sich der Andreas ja leider nicht aussuchen. Da heißt es täglich strampeln!
A: Ja, für mich ist das Rad einfach ein Alltagsgefährt..

P: … und für mich eher Sportgerät.

ER: Interessant, die unterschiedlichen Standpunkte. Könntet Ihr euch vorstellen, in der Haut des anderen zu stecken?
A: Ich würde freiwillig nicht auf die Idee kommen, im Winter just for fun zig Kilometer runter zu reißen. Für mich ist Radfahren keine Freizeitbeschäftigung. Ich fahre im Jahr 7500 bis 8000 Kilometer als Pendler. In meiner Freizeit mache ich etwas anderes …

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Patrick von Loringhoven, Autor des Fahrrad-Blogs „Born2.Bike“.

P: … und ich würde ehrlich gesagt nicht jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit wollen. Nicht bei jedem Wetter – wenn noch ein langer Arbeitstag vor mir liegt.

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ER: So verschieden Eure Anforderungen ans Radfahren generell sind – wie erlebt Ihr das Radfahren im Winter? Andreas, Du zum Beispiel als Pendler.
A: Ich erlebe den Winter tatsächlich immer noch als etwas Tolles. Es fängt schon damit an, dass ich zweimal am Tag eine knappe halbe Stunde an der frischen Luft bin. Das würde ich ansonsten in meinem zehn-Stunden-Tag in dieser Regelmäßigkeit gar nicht schaffen. Und ich erlebe es auch als etwas völlig Unkompliziertes – denn wenn wir ehrlich sind, sind die Tage, an denen so viel Schnee liegt, dass es das Radfahren schwierig werden lässt, doch sehr wenige.

Thema Schnee und Kälte

ER: Ist es dann die mangelnde Räumung der Radwege, was es schwierig macht?
A: Nein, da muss man sagen, dass sich in den letzten drei Jahren zumindest hier in Augsburg das Verhalten der Stadt in Bezug auf das „Räumen der Radwege“ dramatisch zum Positiven verbessert hat.

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P: Also ich finde, das Schwierigste ist tatsächlich die Kälte. Dann leide ich (lacht).

A: Ich glaube, mein Rad leidet im Winter mehr als ich (lacht). Nein, im Ernst: Wegen Dreck und Salz heißt es im Winter:
pflegen, pflegen, pflegen!

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ER: Hast Du ein spezielles Winter-Fahrrad für das Radfahren im Winter?
A: Früher hatte ich einen alten Drahtesel, den ich extra im Winter genommen habe, um das teure E-Bike zu schonen. Aber dann habe ich mich gefragt, warum ich das mache. Denn wie der Patrick sagt: Alles geht im Winter beschwerlicher – aber genau dann entfaltet das E-Bike seinen wahren Charakter als Unterstützer.

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ER: Das heißt: Der beste Tipp fürs E-biken im Winter – ist das E-Bike selbst?
P: Ja. Ich bin ja auch schon E-Bike gefahren und muss sagen: Der innere Schweinehund wird kleiner. Man muss sich nicht mehr so stark selbst motivieren, rauszugehen.

ER: Wie erlebst Du den Winter als Sportradler? Und was denkst Du über E-Bikes?
P: Es muss passen, um sich sportlich aufs Rad zu schwingen. Die ganzen Hürden wie Kälte, Regen und vielleicht auch Schnee werden mit dem E-Bike kleiner. Das ist ganz angenehm. Trotzdem kann es Sport sein. Man bewegt sich auch mit einem E-Bike draußen an der frischen Luft. Und nur das zählt.

ER: Und was machst Du beim Radfahren im Winter anders als im Sommer?
P: Ich montiere im Winter einen breiten Gravel-Laufradsatz auf mein Rennrad und verzichte auf Pausen. Denn wenn man während eines Stopps auskühlt und dann noch leicht verschwitzt wieder aufs Rad steigt, ist das einfach grausam. Ich stecke mir auch Handwärmer in die Handschuhe.

ER: Was empfindest Du – neben der Kälte und dem schlechten Wetter – als das größte Hindernis im Winter?
P: Den Verkehr. Ich schaue, dass ich zum Training sehr schnell auf unbefahrene Radwege fern ab von Straßen komme. Das geht in Augsburg, Gott sei Dank, sehr schnell. Das zweitgrößte Hindernis sind tatsächlich die ersten zehn Minuten, da fragt man sich, warum man da raus geht …

A: … Die Frage stellt sich mir gar nicht …(lacht)

P: … aber danach entschädigen die schönen Wintermomente.

ER: Was erlebst Du beim täglichen Pendeln als das größte Problem beim Radfahren im Winter?
A: Die schönen Wintermomente nehme ich natürlich auch mit, wenn sie da sind. Aber der Patrick hat es schon angesprochen: Das größte Problem sind die anderen Verkehrsteilnehmer. Die sind zwar im Sommer auch da, aber im Winter steht noch weniger gemeinsamer Raum zur Verfügung. Da wird zu enges Überholen gleich doppelt so gefährlich. Manche Autofahrer wissen gar nicht, wie nah sie einem kommen. Daher fahre ich im Winter einen anderen, längeren Weg zur Arbeit, um dem Verkehr aus dem Weg zu gehen.

ER: Und was ist das größte Hindernis an der Witterung selbst?
A: Wenn wirklich nasser Neuschnee liegt, hängt irgendwann so viel Schnee im Rad, unterm Schutzblech und in der Kette, dass sich dann gar nichts mehr bewegt, weil es zu zäh wird. Das zweite, was wirklich tückisch ist: Glätte oder Eisregen. Da erfordert es schon ein gewisses Maß an Fahrkönnen, vielleicht aber auch nur Wagemut oder Verrücktheit, um dann mit dem Rad zu fahren. Das sind aber die Momente, in denen ich auch mit dem Auto nicht mehr gerne fahren würde.

ER: Bist Du schon mal gestürzt?
A: Nun ja – gehört zum Radfahren dazu (lacht)! Aber das Cargobike schmiert eher langsam weg, als dass es plötzlich umfällt. Das passiert aber selten. Ich fahre am Vorderrad einen Spike-Reifen und am Hinterrad einen Winterreifen.

ER: Patrick, war für Dich auch schon mal ein Moment, wo Du gesagt hast: Jetzt wird es gefährlich?
P: Wenn ich zum Trainieren rausgehe, weil ich im Frühjahr einen Alpen-Cross fahren möchte, dann ist mir das Wetter egal. Vielleicht ist das aber genau das Gefährliche, weil man dadurch unaufmerksam wird. Wenn es einen mit dem Rennrad hinschlägt, dann richtig.

ER: Ja, so ein Zweirad ist ein instabiles Fortbewegungsmittel …
P: Ich denke aber, dass einem gemeisterte schwierige Situationen auch im Alltag helfen, das Rad besser zu beherrschen. Die richtigen Reflexe werden geschult.

ER: Jetzt können Reflexe nicht alles, was das Radfahren im Winter so mit sich bringt, ausbügeln. Schützt Ihr Euch im Winter
zusätzlich, z.B. durch Protektoren?
A: Ich schütze mich im Winter nur gegen Kälte und gegen Wetter mit ordentlicher Bekleidung: wasserdichte Regenhose, atmungsaktive Jacke. Und Helm natürlich. Aber keine zusätzlichen Protektoren, wie Knieschützer oder Ellbogenschoner. Ich habe da ehrlich gesagt auch noch nie drüber nachgedacht. Als Brillenträger suche ich aber immer noch nach dem perfekten Mittel gegen beschlagene Brillengläser …

P: … Eine Skibrille hilft oder ein Helm mit Visier.

ER: Patrick, wie schützt Du Dich im Winter zusätzlich?
P: Durch Flatpedals am Rennrad. Erstens ist die Kältebrücke durch die Klickies im Winter ein echtes Problem. Da werden irgendwann die Füße kalt. Zum anderen falle ich dann nicht mehr zusammen mit dem Rad um, weil ich schneller vom Pedal weg komme. Durch die mehreren Lagen und die dickere Jacke im Winter bin ich auch ein bisschen besser gepolstert.

ER: Und wie schützt Ihr das Rad im Winter? Sieht die Pflege anders aus als im Sommer?
A: Ich putze das Rad viel häufiger. Mindestens einmal die Woche. Weil das Material im Winter echt leidet. Zur Pflege nehme ein zäheres Kettenöl. Ich habe übrigens festgestellt, dass Autopolitur auf der frisch geölten Kette aufgetragen, diese gut versiegelt. Es bleibt nicht soviel Dreck im Antriebsstrang hängen. Und ich hab mir vor drei Jahren einen Druckluft-Kompressor geholt, um das Rad im Winter nach einer Regenfahrt oder Wäsche abzublasen, damit es nicht nass in der Kälte steht. Und für unterwegs habe ich einen Handbesen in der Gepäcktasche dabei.

ER: Einen Handbesen?!
A: Ja. Wenn ich mein E-Bike an der Arbeit abstelle, bürste ich damit die Kette und die Zwischenräume zum Schutzblech schneefrei. Damit nichts einfriert.

P: Ich bin nicht unbedingt der, der an der Radpflege großen Spaß hat. Aber auch ich bin im Winter viel mehr mit Pflege beschäftigt. Ich sprühe den Rahmen danach mit Silikonspray ein, damit weniger Schmutz haften bleibt. Und ich kontrolliere die Luft im Reifen öfter. Ich fahre mit weniger Luftdruck.

A: Das mache ich auch. Den Sommerreifen fahre ich mit 3,5 bar, im Winter gehe ich knapp unter 3 bar. Aber ich montiere jetzt keine anderen Bremsbeläge oder stelle den Sattel tiefer. Ich stelle den Sattel so ein, dass ich bequem fahre. Und ich habe auch kein Neopren-Cover am Akku. Das ist Quatsch. Ich lade den Akku in der warmen Wohnung, nehme ihn raus ans Rad und fahre sofort mit höchster Unterstützung los. Der Akku wärmt sich selbst, wenn er benutzt wird. An der Arbeit lasse ich ihn dann auch bei -20° C draußen, da ich ihn nicht mit in die Klinik hinein nehmen darf. Der Akku ist jetzt vier Jahre alt und ich hänge ihn ab und zu ans Diagnose-Gerät. Es ist kein großer Kapazitätsverlust festzustellen.

ER: Das ist interessant – weil ja viele E-Biker über einen Reichweitenverlust im Winter klagen.
A: Der ist tatsächlich da. Aber das kommt durch viele andere Faktoren, wie zum Beispiel höhere Fahrwiderstände: Alles ist zäher. Oder höherer Luftwiderstand: Du hast weitere Kleidung an. Und höherer Rollwiderstand: Der Schnee bremst. Und so weiter. Im Winter reicht der Akku nicht so weit wie im Sommer – weil der Motor mehr kompensieren muss.

P: Als Sportler und Biobiker kann ich noch anmerken, dass meine Beine im Winter auch einen Kapazitätsverlust haben (lacht). Der Mensch leistet bei Kälte einfach weniger. Auch wegen der dicken Bekleidung um einen herum. Das macht sich beim E-Bike ebenfalls bemerkbar.

ER: Dann haben wir also noch einen richtigen E-Bike-Mythos zerstört. Was wollt Ihr unseren Lesern noch
als Tipp zum Radfahren im Winter mit auf den Weg geben?
P: Fahrt vorsichtig und kommt gesund an!

A: Denkt nicht darüber nach, ob ihr im Winter fahren sollt – sondern macht es einfach.

P: Und genießt die Wintermomente. Aber vergesst nicht, auch im Winter etwas zum Trinken mitzunehmen …

A: … und einen Handbesen!

P: Du mit Deinem Cargobike! Da ist Platz für so was (lacht).

A: Ich hab sogar Platz für ein ganzes Lagerfeuer und den dazugehörigen Glühwein.

P: Da bin ich dabei!

A: Gerne!

ER: Andreas, Patrick – danke für das erhellende und auch erheiternde Gespräch.

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