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Bike Bridge, Fahrradfahren, Geflüchtete, Integration, Mobilität, Radfahren

Radfahren für Geflüchtete: Bike Bridge Gründerin Speidel im Interview

Interview mit Bike Bridge Co-Gründerin Clara Speidel

Radfahren für Geflüchtete: Bike Bridge Gründerin Speidel im Interview

Den erfrischenden Fahrtwind verzückt im Gesicht zu spüren, das gehört zu den Wonnen des Radfahrenden. Längst nicht jede Frau und jedes Mädchen hat indes die Chance, dieses beglückende Freiheitsgefühl zu erleben. Das zu ändern, hat sich der Freiburger Verein Bike Bridge zum Ziel gesetzt. Im Interview illustriert Co-Gründerin Clara Speidel, warum Radfahren so viel mehr meinen kann, als nur in die Pedale zu treten.
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Frei und unbeschwert Rad fahren, ein eigenes Fahrrad besitzen und gar erst die Möglichkeit haben, das Radfahren zu erlernen? Für viele Frauen und Mädchen weltweit ist das tatsächlich keineswegs selbstverständlich, daher bietet Bike Bridge aus Freiburg das Radfahren für Geflüchtete an.

Die Freuden des Fahrradfahrens bleiben ihnen verwehrt – sei es, weil die monetären Mittel zum Erwerb eines Velos fehlen oder die Sitte Frauen zu Rad nicht als schicklich erachtet. Das betrift auch Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrung, die in der hiesigen Gesellschaft erst ankommen müssen und nicht automatisch Teil dieser sind.

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Radfahren für Geflüchtete

Vor diesem Hintergrund entwickelten die drei Freiburger Sportwissenschaftlerinnen Shahrzad Mohammadi, Lena Pawelke und Clara Speidel 2017 das Sozialprojekt Bike Bridge. Das Ziel: Mädchen und Frauen mit Fluchterfahrung das Radfahren beizubringen und ihnen auf diese Weise zu helfen, ihr Leben mobiler und freier zu gestalten. Mehr noch, zielt man bei Bike Bridge mit den 2016 erstmals durchgeführten Radfahrkursen darauf, den Teilnehmerinnen die soziale Integration zu erleichtern und sie aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.

Nicht umsonst also sind die Radkurse der nach einer Idee von Shahrzad Mohammadi entstandenen Freiburger Initiative Bike & Belong überschrieben – „Rad fahren und dazu gehören“. Oder auch: Radfahren für Geflüchtete

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In Kursen lernen Frauen und Mädchen mit Mitgrations- und Fluchterfahrung beim Freiburger Verein Bike Bridge das Radfahren.

Die richtige Kleidung auf dem Fahrrad in der Stadt

In zweimonatigen Radfahrkursen schulen Clara Speidel, ihre beiden Mitgründerinnen sowie das Team aus Trainerinnen ihre Fahrschülerinnen mit Migrations- und Fluchthintergrund in Fahrradtheorie und -praxis. Gestaltet sind die Radfahrkurse so, dass Zeit und Raum bleibt, den Teilnehmerinnen mittels Sprachspielen etwa Sprachkenntnisse zu vermitteln. Gemäß des ganzheitlichen Konzepts des Projekts Bike Bridge, das die 28-jährige Sportwissenschaftlerin mit ihren beiden Kolleginnen von Beginn an verfolgt, fungiert das Fahrrad als Anknüpfungspunkt für viele weitere, gemeinsame Aktivitäten der Teilnehmerinnen und lokalen Radfahrtrainerinnen.

Bike Bridge auch in Stuttgart, Frankfurt und Paris

Ein interkultureller Austausch, der Picknicks und gemeinsames Kochen ebenso beinhaltet wie Fahrradreparaturkurse. Dieses Konzept der drei Freiburgerinnen, die ihre soziale Initiative 2017 zum Verein Bike Bridge e.V. weiterentwickelt haben, ist ein großer Erfolg geworden. Noch 2017 gewannen Speidel, Pawelke und Mohammadi mit Bike Bridge den Deutschen Integrationspreis; zudem lernen Frauen mittlerweile in den Bike-Bridge-Ablegern in Stuttgart, Frankfurt und Paris, Rad zu fahren.

Und auch an der Erweiterung des Vereinsangebots arbeitet Speidel mit Bike Bridge am Radfahren für Geflüchtete: Über das Projekt „Miteinander statt Nebeneinander“ will man bis 2023, gefördert von der Stiftung Aktion Mensch, an sechs Standorten Bike & Belong-Radfahrkurse etablieren. In allen Städten, die Bike Bridge mit seinem Angebot bereichert, wird das Fahrrad sowohl wichtiges Mobilitätsmittel als auch magischer Herz- und Türöfner zu als fremd geglaubten Menschen und Kulturen sein.

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Wie viele Frauen haben es dank Ihrer Radfahrkurse schon in den Sattel geschafft?
Bisher haben über 300 Frauen in Freiburg, Frankfurt, Stuttgart und Paris mit Bike Bridge das Radfahren gelernt. Die Bike & Belong-Fahrradkurse sind Schwerpunkt unserer Vereinsaktivitäten. Jeder B&B-Kurs dauert insgesamt zwei Monate, zudem bieten wir einmal wöchentlich ein offenes Training. Manche Frauen lernen schneller, andere langsamer. Bei Kursende können aber fast alle ohne Unterstützung Rad fahren.

Wie alt sind die Kursteilnehmerinnen?
Das ist ganz unterschiedlich, zwischen 16 und 65 Jahren. Viele lernen das Fahrrad fahren von Grund auf, andere haben es in ihrer Kindheit gelernt, ihnen fehlt aber die nötige Übung und somit Sicherheit. Dafür haben wir nun seit 2019 Fortgeschrittenenkurse.

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Sport verbindet Menschen

Welche positiven Effekte haben die BikeBridge-Radkurse auf die Teilnehmerinnen, jenseits des Radfahrerfolgs?
Während meines Sportstudiums habe ich viele verschiedene Sportgruppen geleitet. Eines war immer gleich: Es ist wunderschön zu sehen, wie sehr der Sport Menschen mitreißen und verbinden kann. Plötzlich sind wir alle auf dem Sportplatz ein Team, egal, was für einen Hintergrund wir haben. Wenn eine Teilnehmerin zum ersten Mal alleine auf dem Rad sitzt, jubelt die ganze Gruppe.

Während der Kurse trefen sich über zwei Monate etwa 20 Frauen: neu zugezogene und Frauen von hier. Beim Training, das Kennenlernspiele und gemeinsame Pausen beinhaltet, lernen wir voneinander. Bei Picknicks werden oft Nummern ausgetauscht, man verabredet sich zur Radtour, Deutschnachhilfe oder zum Bewerbungenschreiben. Die Radkurse sind eine prima Möglichkeit, mit Menschen anderer Kulturen in Kontakt zu treten und Startpunkt für schöne gemeinsame Erlebnisse.

Das Bike-Bridge-Projekt haben Sie mit Ihren Co-Gründerinnen auch in Stuttgart und Frankfurt etabliert. Sie arbeiten bereits an weiteren Ideen, richtig?
Ja, wir stecken bereits mittendrin! Mit unserem Projekt „Miteinander statt Nebeneinander“ werden wir bis 2023 an sechs Standorten Bike & Belong-Kurse anbieten und neben mehr Mobilität Begegnung, Austausch und gesellschaftliches Engagement vor Ort fördern. Der Projektrahmen erlaubt es uns, unsere Angebote auf weitere Städte auszuweiten. Dieses Jahr starten wir in Hamburg und bauen den Standort Frankfurt aus.

Bike Bridge, Fahrradfahren, Geflüchtete, Integration, Mobilität, Radfahren

Ermöglichen Radfahren für Geflüchtete: die drei Freiburgerinnen Shahrzad Mohammadi (li.), Clara Speidel (Mitte) und Lena Pawelke (re.).

Mobilität für ländlichen Raum

An unseren neuen Standorten werden wir mit Kooperationspartnern mindestens zwei Bike & BelongRadkurse und ein offenes Training anbieten. Zusätzlich bieten wir an den neuen Standorten unsere Multiplikatorinnen-Schulungen an, in denen wir Interessierte darauf vorbereiten, Radfahrkurse durchzuführen. Wir möchten das so einfach wie möglich machen. Vor allem den ländlichen Raum möchten wir damit erreichen; gerade dort ist Mobilität wichtig.

Was lernen Sie als Organisatorin von Radkursen für Frauen mit Migrations-/Flüchtlingshintergrund?
Über Bike Bridge habe ich sehr viele Frauen mit Flucht-/Migrationserfahrung kennen gelernt. Viele von ihnen haben Schreckliches erlebt. In Deutschland angekommen, erfahren sie weiterhin teils Ablehnung und haben oft alles andere als einen angenehmen Start in ihrem Gastland. Auch die ständige Ungewissheit über die Zukunft zehrt. Ich bewundere die Kraft und Ausdauer vieler Frauen, die ich kennenlernen durfte: Sie geben auch bei der 50. Jobabsage nicht auf. Sie finden sogar die Kraft, sich ehrenamtlich – zum Beispiel bei Bike Bridge – für andere zu engagieren. Das bewundere ich sehr, nehme mir diese Hilfsbereitschaft als Vorbild – und bedanke mich dafür!

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Gibt es Berührungsängste, da Frauen in einigen islamischen Ländern das Radfahren verboten ist?
Im „Train the Trainer“-Workshop wurde anfangs von den Ehrenamtlichen oft gefragt: Dürfen wir die Teilnehmerinnen berühren, wenn wir Hilfestellung geben? Ich beantworte das so: Das ist individuell und hat erstmal nichts mit Herkunftsland und Kultur zu tun. Hier ist die Kommunikation wichtig: Ist es ok, wenn ich dich berühre, dich festhalte?

Radfahren für Geflüchtete – Fahrrad als Verkehrsmittel

Wie nutzen die Teilnehmerinnen nach den Kursen ihr Rad – zum Sport, als Verkehrsmittel?
Das ist total unterschiedlich, aber hauptsächlich als Verkehrsmittel. Es verleiht Flexibilität und die Teilnehmerinnen sind nicht mehr auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Außerdem ist das Rad in der Stadt ein sehr kostengünstiges Fortbewegungsmittel. In den Fortgeschrittenenkursen lernen wir mittlerweile das Fahren mit Kindersitz und Anhänger, so dass die Frauen das Rad auch mit ihren Kindern nutzen können.

Bleiben die Kursteilnehmerinnen dem Radfahren nach den Radtrainings bei Radfahren für Geflüchtete treu?
Viele ehemalige Teilnehmerinnen unserer Kurse treffen wir danach wieder bei unserem offenen Trainingsangebot oder unseren Radtouren. Das Allerschönste: Besonders letztes Jahr haben sich viele ehemalige Teilnehmerinnen als ehrenamtliche Trainerinnen in unseren Kursen engagiert. Es freut mich riesig, zu sehen, wie sie das Gelernte weitergeben und als Vorbild anderen Frauen Mut machen: Ihr könnt das auch schaffen!

Bike Bridge, Fahrradfahren, Geflüchtete, Integration, Mobilität, Radfahren

Jenseits des Pedalierens: Neben dem Erlernen des Radfahrens begegnen sich bei den Bike-Bridge-Radfahrkursen Frauen verschiedener Kulturkreise.

Womit kämpfen Menschen, die als Erwachsene erst lernen, Rad zu fahren?
Viele Frauen, die zum ersten Mal auf ein Fahrrad steigen, kostet das Überwindung, auch, weil es ihnen extrem schwer fällt, die Balance zu halten. Anfangs sind Gleichgewichtstraining und Übungen zur Körperspannung am wichtigsten. Viele Teilnehmerinnen haben noch nie ein regelmäßiges Sportangebot besucht. Wir beginnen also ganz langsam mit Übungen zum Gleichgewichtstraining, dann fahren wir mit Rollern und Laufrädern. Geht es dann aufs Rad, wird anfangs der Sattel ganz niedrig eingestellt, sodass beide Beine immer fest auf dem Boden sind. Zudem ist immer eine ehrenamtliche Trainerin unterstützend dabei.

Fahrradfahren bringt Freiheit

Welchen Stellenwert nimmt das Radfahren im Leben der Kursteilnehmer ein?
Die Möglichkeit, sich auf dem Fahrrad flexibel und unabhängig von jemand anderem oder von öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen, bringt große Freiheit für sie mit sich. Eine Teilnehmerin hat mal gesagt: „Ich komme aus einem Land, in dem Radfahren für Frauen als schändliches Tun galt. Als kleines Mädchen war ich verzückt davon, ein eigenes Fahrrad zu haben. Als ich sechs Jahre alt war, habe ich von meinem Vater ein Rad bekommen; eines der tollsten Geschenke. Seit ich nach Deutschland gekommen bin, kann ich mein Rad fernab abschätziger Blicke fahren.“

Freiburg kennt man für seine Radfahrqualität. Nutzen Ihre Radfahreleven diese?
Radfahren in Freiburg und Umgebung ist wunderschön! Deshalb machen wir das bei Bike Bridge oft gemeinsam. 2020 stehen die Aktivitäten in Freiburg unter dem Motto „Freiburg kennenlernen“. Zusammen möchten wir in Freiburg bekannte Orte und beliebte Ausflugsziele erkunden. Dafür haben wir verschiedene Radtouren im Angebot.

Das Fahrrad dient geflüchteten Frauen und Mädchen auch dazu, in der hiesigen Gesellschaft anzukommen. Funktioniert das immer reibungslos?
Integration ist für mich ein zweiseitiger Prozess – seitens der Neuzugezogenen und der lokalen Bevölkerung. Sehr wichtig finde ich, dass der Raum für ungezwungenen Austausch gegeben ist, um andere Kulturen kennenzulernen und Barrieren abzubauen. Von außen betrachtet, wirken viele Traditionen anderer Kulturen merkwürdig, tauche ich tiefer ein, erschließt sich mir oftmals eine ganz andere Sicht auf die Dinge.Unsere Radkurse lassen daher Platz für offenen Austausch, während wir auf ein Ziel hinarbeiten: das Fahrradfahren.

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Radfahren ist Glück

Welche Affinität zum Radfahren haben Sie als Mitgründerin von Bike Bridge?
Tatsächlich ist das Rad „nur“ Fortbewegungsmittel für mich. Dennoch hat es einen sehr hohen Stellenwert für mich und ist in Freiburg, wie Umgebung, fast mein einziges Fortbewegungsmittel. Täglich sitze ich mindestens eine Stunde auf dem Rad: zum Einkaufen, zur Arbeit, zu Freunden.

Ich bin nicht auf öffentliche Verkehrsmittel oder ein Auto angewiesen. Ich bin an der frischen Luft, habe Zeit, nachzudenken. Sobald mein Fahrrad mal kaputt ist, merke ich, wie sehr mich das einschränkt und was für ein Glück ich habe, Rad fahren zu können.

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