Oberhof im Thüringer Wald: Paradies für Graveltouren
Graveln im Thüringer Wald: Der Gipfel
Oberhof im Thüringer Wald: Paradies für Graveltouren
in Reise
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Dass mich da ein aktueller, ehemaliger oder zukünftiger Spitzenathlet überholt hat, ist recht wahrscheinlich. Denn in Oberhof gibt es nicht nur mit der Biathlonhalle die einzige ganzjährig nutzbare Loipe in Deutschland, sondern auch eine Sportfördergruppe der Bundeswehr in der Rennsteig-Kaserne, einen der erfolgreichsten Wintersportvereine des Landes und das staatliche Sportgymnasium Oberhof. Die gesamte Stadt oben auf dem Kamm des Thüringer Waldes atmet Sport. Und zwar das gesamte Jahr über. Selten finden sich so gehäuft Top-Bedingungen für Outdoor-Sportler. Denn neben den weltberühmten Wintersportanlagen gibt es einen ausgezeichneten Bikepark für Mountainbiker und ideale Bedingungen für Rennradfahrer und Gravelbiker. Wer es etwas gemütlicher angehen lassen und trotzdem die besondere Atmosphäre der Sportstadt auf dem Berg genießen will, ist ebenfalls herzlich willkommen. Denn natürlich lassen sich die Wald- und Wanderwege, Landsträßchen mit wenig Verkehr, der Kletterpark und der Abenteuergolfplatz sowie Wellnessangebote wie die H2-Oberhof-Therme auch ohne Leistungsanspruch ausgiebig genießen.
Oberhof: Spitzensport und Freizeitspaß
Die Stadt hat es geschafft, ihren guten Ruf als „St. Moritz des Ostens“ über den Fall des Eisernen Vorhangs hinaus ins Heute zu retten. Dabei geht Oberhof selbstbewusst mit seiner DDR-Vergangenheit um. Hier schleifen Kadertrainer seit den 1960er Jahren bis heute Rohdiamanten zu Sportjuwelen. Die Sportgeschichte insgesamt reicht weit mehr als 100 Jahre zurück. Darauf ist die Stadt stolz und das zeigt sie auch, etwa im Stadtpark, wo die Geschichte des Wintersports in Oberhof auf großen Schautafeln nachgezeichnet wird. Welche Bedeutung Oberhof für die gesamte Region hat, zeigt sich jährlich beim Biathlon: Das Stadion ist eines der größten im Weltcup, die Stimmung der Fans immer ausgelassen. Hier schlägt das deutsche Biathlon-Herz.
Freilich mache ich mir auf dem Gravelbike wenig Gedanken um die zahlreichen Spitzensportler, die hier trainiert haben und trainieren. Sie lesen sich zwar wie das Who’s who des Wintersports. Beispiele? Andrea Henkel, Sven Fischer, Kati Wilhelm, Tobias Angerer, Wolfgang Hoppe, Andre Lange, Susi Erdmann, Ronny Ackermann – um nur einige wenige zu nennen. Ich genieße lieber die spektakuläre Natur. In alle Richtungen kann ich hier losfahren, ich werde immer eine Top-Strecke finden. Unterstützung gibt es von der Stadt selbst. Auf Oberhof.de findet jeder passende Touren, die einfach auf den Fahrradcomputer oder die Outdoor-App gezogen werden können. Für Digital-Muffel sind zahlreiche Rundtouren ausgeschildert. Was jeder Radfahrer – ob mit oder ohne E-Bike-Antrieb – aber im Hinterkopf haben sollte: In Oberhof laufen die Touren-Uhren anders. Denn die Stadt liegt auf dem Kamm des Thüringer Walds. So geht es meistens erstmal bergab mit dem Fahrrad, am Ende der Tour wartet dafür fast immer noch einmal ein knackiger Anstieg. Die sehr gute, deftige Thüringer Küche, die natürlich auch in Oberhof serviert wird, muss man sich schon erarbeiten.
Das macht enormen Spaß. Denn die Gegend rund um Oberhof ist ein Paradies für Radfahrer. Ruhig, schattig, vor allem aber abwechslungsreich. Direkt hinter dem Ortsschild tauchen Gravelbiker ein in den tiefen Nadelmischwald. Gerade im heißen Sommer sorgt er für Schatten und etwas angenehmere Temperaturen. Gleich mehrere Talsperren liegen um die Stadt verteilt und bieten sich als Etappenziele geradezu an, auch sie versprechen Erfrischung. Immer wieder kreuzen die Wege den legendären Rennsteig – von dem es sogar gleich zwei gibt. Denn neben dem historischen Weitwanderweg ist er inzwischen auch durchgängig als Radweg ausgeschildert. Die Route weicht dabei vom klassischen Wanderweg ab, ist zudem knapp 30 Kilometer länger. Sie vermeidet dafür aber besonders steile Wegstücke und führt auf durchgängig gut mit dem Trekkingrad befahrbaren Wegen entlang. Wer die besondere sportliche Herausforderung sucht, nimmt den Originalweg. Dann sollte das Fahrrad aber Stollenreifen haben – entweder am Mountainbike oder am Gravelrad. Beide Rennsteige führen durch Oberhof.
Sonnenaufgang am Großen Beerberg
Ich aber suche keine Streckentour, sondern will von Oberhof aus mehrere Tage lang die Gegend auf Rundtouren erkunden. Als Basislager dient die Pension 810M, benannt nach ihrer Meereshöhe. Sie verfügt über drei Doppel- und ein Familienzimmer. Mein Gravelbike steht sicher in der Garage, Mahlzeiten nehme ich in einem der vielen Restaurants in Oberhof ein, das Frühstück bereite ich mir im großen Gemeinschaftsraum mit Küche selbst zu. Das ist ideal, denn gerade im Sommer lohnt sich frühes Aufstehen. Der Sonnenaufgang auf dem Großen Beerberg, dem höchsten Punkt des Rennsteigs, sieben Gravel-Kilometer von Oberhof entfernt, ist ein absoluter Traum. Ein weiterer Vorteil des frühen Vogels: Zur Hochsaison ist viel los auf dem weltberühmten Rennsteig. Wer nicht den Wanderern aus aller Herren Länder in die Quere kommen will, bricht für einen Rennsteig-Abstecher besser früh auf.
Singletrail mit Bachquerung
Wer auf eine Tour auf dem berühmten „R“ verzichten kann, der findet im tiefen Thüringer Wald rund um Oberhof mehr als genug Strecken zum Genießen, sich auspowern, mit Naturerlebnis aber auch immer wieder Möglichkeiten zur Einkehr. Um erst einmal Tuchfühlung aufzunehmen, führt mich meine erste Runde zur Lütschetalsperre. Wie immer hier sieht das Höhenprofil der auf nur 16 Kilometern immerhin schon mal knapp 500 Höhenmeter sammelnden Runde aus wie ein tief eingeschnittenes Tal: Anfangs geht es leicht wellig bergab, ehe es steiler hinunter geht, immer auf Wald- und Forstwegen bis fast zur Ortsgrenze von Gräfenroda. Dort startet für etwa 1150 Meter ein befestigter Singletrail den Lütschegrund hinauf, an dessen Ende eine Bachquerung wartet. Wer sich nicht durch Spritzwasser erfrischen will, nimmt einfach den kleinen Steg über die Lütsche. Weiter geht es entlang des Bachs das Tal hinauf, bis ich von unten kommend die imposante, etwa 30 Meter hohe Staumauer aufragen sehe. Ich überquere sie von Süden nach Norden. Am Nordufer liegen Ferienwohnungen und ein Imbiss, am Westufer ein Campingplatz mit Gaststätte. Am gesamten See gibt es Badestellen. Doch Vorsicht: Das Wasser ist selbst im Hochsommer kühl.
Vom Lütschesee führen mich Forstwege wieder hinauf nach Oberhof, von Norden kommend rolle ich am imposanten Panorama Hotel Oberhof und mit Blick auf die Rodelbahn auf der anderen Talseite vorbei wieder hinein in die Stadt.
Als Königsetappe habe ich mir einen Abstecher auf den Rennsteig vorgenommen. Von Oberhof aus fahre ich westwärts etwa 25 Kilometer auf dem Fernwanderweg, also entgegen der üblichen Wanderrichtung, die von der Werra im Westen zur Selbitz im Osten führt. Hinter dem staatlichen Sportgymnasium Oberhof tauche ich ein in den Wald und folge nun, vorbei an der Biathlon-Arena, dem weltbekannten weißen „R“. Teils auf Schildern, teils auf Bäume gepinselt, markiert es den Rennsteig. Wald- und Forstwege wechseln sich ab mit Singletrails, die allesamt mit dem Gravelbike gut zu fahren sind. Typisch Kammweg ist meine Strecke hier wellig, nicht von extremen Steigungen geprägt. Nach 15 Kilometern halte ich am Aussichtsturm Krämerod und mache eine erste Rast bei herrlichem 360-Grad-Panorama. Fünf Kilometer weiter an der Ebertswiese gibt es Einkehrmöglichkeiten, auch ein Abstecher zum Wasserfall der Splitter lohnt sich.
Wurst mit und ohne Kümmel
Nach knapp 25 Kilometern an der Schutzhütte „Am Kreuz“ verlasse ich den Rennsteig und wende mich nach Norden, fahre steil bergab nach Friedrichroda. Ein kleiner Bogen führt mich hinaus aus dem Wald ins Thüringer Becken. Bald aber schon biege ich nach Süden ab zurück zu den Höhen. Eine kurze Rampe gefolgt von einer kleinen Abfahrt hinter Schönau ist der Aufgalopp für das finale Drittel der Tour, das fast ausnahmslos bergan führt. Am gut 900 Meter hohen Greifenberg habe ich die höchste Stelle meiner Tour erreicht. Von hier geht es nur noch ein kleines Stück bergab, zurück in die Stadt. Hier passiert es auch, dass mich der Rollskifahrer im rasanten Schuss links liegen lässt. Doch während der sein Training gerade erst beginnt, freue ich mich schon auf die Spezialität der Region: eine echte Thüringer Bratwurst. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob ich eine mit oder ohne Kümmel erwischt habe. Hier nämlich begegnet man beiden Versionen. Oberhof und der Rennsteig sind nicht nur traumhafte Ziele für Gravelbiker. Der Weitwanderweg ist auch der Thüringer Bratwurstäquator. Nordöstlich des Wegs isst man die Wurst mit, überall sonst ohne das aromatische Gewürzkorn, heißt es.
Ich verbringe noch einige weitere Tage rund um Oberhof auf dem Gravelbike. Mich faszinieren die vielseitigen Wege, die abwechslungsreiche Topografie und die super Kartengrundlage. Fast an jeder Weggabelung tun sich neue Möglichkeiten auf. Und am Ende führen alle Wege hinauf auf den Gipfel, hinauf nach Oberhof. In die Stadt auf dem Berg.
Infos zum Aufenthalt in Oberhof und Umgebung
Anreise
Auto: Oberhof liegt an der Autobahn 71, die von Schweinfurt nach Erfurt und weiter bis Sangerhausen führt. Die Ausfahrt liegt zwischen dem Tunnel Hochwald und dem Rennsteigtunnel. Von dort sind es noch etwa acht Kilometer bis hinauf nach Oberhof. Von Leipzig aus dauert es etwa 2:15 Stunden bis Oberhof, von Berlin aus gut vier Stunden. 4:30 Stunden sind es von Köln aus, 3:30 Stunden von Hannover, 2:45 Stunden von Frankfurt und 2:30 Stunden von Nürnberg aus.
Zug: Der nächstgelegene Bahnhof ist in Zella-Mehlis. Dort verkehren regelmäßig Busse nach Oberhof. Die Busse sind an den Takt der Züge angepasst. Die Fahrt dauert rund 20 Minuten bis zum Busbahnhof Oberhof. Ebenfalls möglich ist die Anreise über den Bahnhof Gotha. Auch von dort fahren regelmäßig Busse nach Oberhof. Diese brauchen rund eine Stunde.
Routen
Auf Oberhof.de gibt es zahlreiche Mountainbike- und E-Bike-Touren, die zum Teil auch für Gravel- und Genussradfahrer geeignet sind. Letztere sollten mindestens ein komfortables Trekkingrad haben, um auch mehrere Tage Spaß zu haben. Besser sind entweder SUV- oder Mountainbikes. Wer kein passendes Rad sein Eigen nennt, der kann in Oberhof E-Bikes und nichtmotorisierte Fahrräder mieten. Ein Highlight für jeden Mountainbiker: der Bikepark. Nach der rasanten Abfahrt geht es per Lift wieder bergauf – auch für E-Biker.
Verpflegung
Im Thüringer Wald gibt es einige Einkehrmöglichkeiten auch abseits der Ortschaften. Bei der Planung sollten auf jeden Fall die Öffnungszeiten gecheckt werden. Für Packtaschen-/Rucksackverpflegung gibt es in Oberhof einen Supermarkt sowie einige kleinere Spezialitätengeschäfte mit heimischen Schmankerln. In Oberhof gibt es eine breite Auswahl an Cafés, Gasthäusern und Restaurants, auch ein Nachtleben gibt es dank einiger uriger Bars.
Unterkunft
Oberhof hat eine große Auswahl an Ferienwohnungen, Pensionen, Privatzimmern sowie Drei- und Viersternehotels, darunter auch ausgezeichnete Bett+Bike-Unterkünfte. Unser Gastgeber beim großen Radfahren-Graveltest im Sommer 2024 war die Pension 810M, in unmittelbarer Nähe zur Wadebergschanze. Sie bietet vier sehr individuelle, große Zimmer mit eigenem Bad, ein großes Gemeinschaftszimmer mit komplett ausgestatteter Selbstversorgerküche und eine große Garage zum Unterstellen von Fahrrädern sowie zwei Ferienwohnungen an. Preise: Ab 70 Euro für ein Doppelzimmer.





