Emsland: Knotenpunktsystem für Radtouren
Fahrradurlaub im Emsland: Radeln nach Zahlen
Emsland: Knotenpunktsystem für Radtouren
in Reise
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Seit 2023 ist das Knotenpunktsystem flächendeckend im Emsland etabliert. Es macht die Orientierung kinderleicht. Um eine ausgiebige Route zu planen, braucht es nicht mehr als ein kleines Stück Papier. Für unsere heutige, 53 Kilometer lange Tour von Meppen nach Haselünne und in einem großen Bogen nach Norden zurück notieren wir uns 26 Knotenpunkte. Direkt vor Simone Albers’ Hotel, das passenderweise „Knotenpunkt“ heißt, liegt Nummer 54, unser Ausgangspunkt. Ein Wegweiser zeigt Richtung der nächsten Punkte: Nach Westen zur 6 am Dortmund-Ems-Kanal, nach Norden zur 44, die ebenfalls an der Bundeswasserstraße liegt, und nach Süden zur 21, am Ortseingang von Meppen.
„Das System ist wirklich einfach.“, erklärt Martina Alfers von Emsland-Tourismus. „Die Nummern führen Radfahrer von Knotenpunkt zu Knotenpunkt und immer dort, wo Wege aufeinandertreffen, dient eine Übersichtskarte zur Orientierung.“ Verfährt sich ein Radfahrer doch einmal, so findet er zumindest ganz einfach zum letzten notierten Knotenpunkt zurück. Weil die Strecken zwischen den Punkten kurz sind, da das Netz sehr engmaschig ist, halten sich unfreiwillige Umwege also in engen Grenzen. Richtig anstrengend wird es ohnehin selten: Die Region ist sehr flach, gleichzeitig weit genug von der Küste entfernt, um auch vor richtig fiesem Wind gefeit zu sein – jedenfalls meistens.
Keine Langeweile im Emsland
Wer aufgrund der flachen Topografie Langeweile befürchtet, dem können wir die Sorgen nehmen. Die Städte und Dörfer der Gegend sind pittoresk, die Häuser meistens im typischen Baustil der Region errichtet. Wasser und Wasserwege spielen hier eine große Rolle: Der Dortmund-Ems-Kanal als Erbe der Industriekultur beeindruckt ebenso wie die Altarme der Ems und der Hase, die deren einst mäandrierenden Flussläufe noch heute erkennbar machen. Dazwischen tauchen immer mal wieder alte Moore auf. Land- und Forstwirtschaft prägen die Region zusätzlich. Die kleinteiligen Parzellen sorgen für ein ständig wechselndes Landschaftsbild. Immer wieder führt uns der Weg über kleine Abschnitte auf uralten Straßen mit unbehauenem Pflaster. Verwinkelte Wege zwischen den kleinen Äckern wechseln sich mit langen schnurgeraden Strecken ab.
Unterwegs tauchen wir ein in die Geschichte: Erst nach dem zweiten Weltkrieg und mit dem Zuzug Hunderttausender Geflüchteter aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wandelt sich das Emsland vom „Armenhaus der Republik“ in eine Boom-Region. Vorher ist es dünn besiedelt, weite Hochmoore durchziehen das Land. Das Leben der Menschen ist hart und entbehrungsreich. Daran ändert vorerst auch der Dortmund-Ems-Kanal nichts. Der verbindet seit Ende des 19. Jahrhunderts das Ruhrgebiet mit der Nordsee. Noch Anfang der 50er Jahre gibt es zahlreiche Familien, die in ärmlichen Häuschen und mit ihrem Vieh in einem Raum leben. Fließendes Wasser, Kanalisation und elektrischer Strom sind in vielen Dörfern des Emslands zu dieser Zeit noch Fremdwörter. Doch dann werden im großen Stil bis in die 1970er Jahre hinein die meisten Hochmoore trockengelegt und in Ackerland verwandelt, finanziert über den Marshall-Plan. Aus der gesamten Bundesrepublik bewerben sich Menschen, ein Stück des neuen Lands zu erhalten. Es sind mitunter so viele, dass gelost werden muss. Ganze Dörfer entstehen neu.
Bewahrer von Traditionen: Der Emsländische Heimatbund
Um die Traditionen in der Region trotz des immensen Strukturwandels zu bewahren, gründet sich der Emsländische Heimatbund. Davon profitieren heute wir Radtouristen. Denn zahlreiche Feste, gelebtes Brauchtum und eine lebendige Handwerks- und Landwirtschaftstradition sind bis heute gegenwärtig. Das macht eine Radreise im Emsland nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern trägt enorm viel zur reichhaltigen Kultur bei. Zumal die Emsländer nicht müde werden, auf Hinweistafeln, in kleinen und größeren Regionalmuseen und über das vielfältige Vereinswesen über die Geschichte der Region und ihren fundamentalen Wandel in den vergangenen Jahrzehnten zu informieren.
Der ist bis heute nicht abgeschlossen, dreht sich stetig weiter. So werden heute viele trockengelegte Moore wieder vernässt. Das dient dem Klimaschutz, denn Moore binden enorme Mengen Kohlendioxids. Gleichzeitig brauchen die Nutzer und Besitzer dieser Flächen Alternativen, wenn wegen der Renaturierung die Landnutzung eingeschränkt wird. Tourismus ist ein möglicher Hebel, diesen neuerlichen Strukturwandel zu stemmen.
Wer der Gegenwart und ihren Herausforderungen entfliehen will, der kann mit dem Fahrrad sehr weit in die Vergangenheit reisen: Etwa 5000 Jahre zurück, in die Jungsteinzeit. Denn das Emsland ist eine der wenigen Gegenden in Deutschland, aus der so genannte Großsteingräber bekannt sind. Die im Volksmund Hünengräber genannten Megalith-Bauten stecken bis heute voller Mythen und Geheimnisse. Durchs Emsland führt ein gutes Stück der touristischen „Straße der Megalithkultur“, ein Teil der European Route of Megalithic Culture, die von Schweden über Mitteleuropa und Großbritannien bis Spanien und Portugal verläuft. In Meppen, dem Ausgangspunkt unserer Tour, befasst sich das Ausstellungszentrum für die Archäologie des Emslands mit den Megalithen der Region.
Über das Knotenpunktsystem findet jeder eine Route, die die archäologischen Schätze des Emslands erschließt. Geselliger geht es auf den zahlreichen Vereins- und hier vor allem Schützenfesten zu. Die gehören zum Emsland wie die Flüsse, Dörfer, Moore und Hünengräber. Im Frühjahr beginnt die Saison und dauert bis tief in den Herbst. Deftiges Essen, Brauchtum, natürlich auch Pils und Korn, vor allem aber die Geselligkeit machen diese Feste aus.
Paradies für Genussradler und Sportler
Das Knotenpunktnetz im Emsland spricht neben Genussradfahrern auch Rennradfahrer und Gravelbiker an. Wenige grobe Pflasterwege lassen für Rennradsportler Erinnerungen an die „Hölle des Nordens“, den Radklassiker Paris-Roubaix aufkommen. Die meisten Wege aber sind asphaltiert, das Verkehrsaufkommen auf den Nebenstraßen des Streckennetzes ist sehr gering. Abseits dieser Routen finden sich zudem tolle naturbelassene Pfade und Wege, die temposüchtige Gravelbiker in Verzückung versetzen.
So lässt sich das Emsland vielseitig erleben. Genussradler kommen ebenso auf ihre Kosten wie Radsportler. Kultur, Brauchtum, Natur, Geschichte und Archäologie gehen Hand in Hand. Das kulinarische Angebot reicht von bodenständischer, regionaler Küche bis hin zu exotischen Spezialitätenrestaurants aus (fast) aller Welt. Für die passende Unterkunft ist ebenfalls gesorgt. Zwischen Nordsee und Osnabrück gibt es fast 200 vom ADFC zertifizierte Bett+Bike-Gastgeber. Auch das Hotel Knotenpunkt in Meppen-Hemsen gehört dazu.
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Eckdaten zum Urlaub im Emsland
Anreise
Auto: Vom Rheinland geht es schnurgerade nach Norden, etwa drei Stunden dauert es von Köln aus bis Meppen. Knapp zwei Stunden sind es von Bremen aus, gut drei Stunden von Hamburg. Länger dauert es aus dem Süden Deutschlands: Von Stuttgart aus sind es gut sechs Stunden, von München aus rund acht Stunden. Hauptstädter sind gut 6:45 Stunden von Berlin bis Meppen unterwegs, 5:30 Stunden dauert es von Leipzig aus.
Bahn: Nur von Köln und Frankfurt aus verkehren IC direkt bis Meppen. Von Bremen, Hamburg, Stuttgart und München aus gelangt man mit einmal Umsteigen in Münster nach Meppen, von Berlin aus bietet sich Rheine zum Umsteigen an, von Leipzig aus Leer in Ostfriesland. Die Fahrzeiten sind ähnlich dem Auto.
Routen
Für alle Neigungen und Fitnessgrade bietet Emsland Tourismus über 50 bereits vorgeplante thematische Tagestouren auf dem Fahrradknotennetz an. Sie lassen sich leicht über die entsprechende Reihenfolge der Knotenpunkte abfahren, sind zwischen 13 und 92 Kilometer lang. Aufgrund der flachen Topografie sind die Touren allesamt E-Bike-tauglich. Der Großteil dieser vorgeplanten Routen ist zwischen 40 und 65 Kilometer lang, nur wenige haben in Summe mehr als 200 Höhenmeter.
Für Freunde des digitalen Routings stehen über den „Emsland-Routenplaner“ auf der Internetseite von Emsland Tourismus gpx-Dateien zum Download bereit. Besonders praktisch: Wer über das Routentool auf emsland.com individuelle Touren plant, kann sich anschließend die gpx-Datei herunterladen. Die lässt sich dann ganz einfach in gängige Navi-Apps wie Komoot importieren.
Verpflegung
Informieren Sie sich und planen Sie Pausen vor Tourstart. Die Restaurantdichte ist insgesamt hoch. Doch nicht in jedem Dorf gibt es ein Gasthaus und insbesondere Ruhetage und Öffnungszeiten sind zu beachten. Die Einkehrmöglichkeiten am Wegesrand (Restaurants, Gasthöfe, Cafés etc.) werden im Emsland-Routenplaner sowie Komoot angezeigt. Auf emsland.com und den örtlichen Internetseiten findet man außerdem Übersichten mit Hofläden und Regiomaten sowie Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte, um sich mit Proviant einzudecken.
Unterkunft
Im Emsland gibt es sehr viele vom ADFC zertifizierte Bett+Bike-Gastgeber. Darunter sind Ferienwohnungen und -zimmer ebenso wie Campingplätze, Jugendherbergen sowie 3- und 4-Sterne-Hotels. Top: Das Emsland-Koffer-Taxi. Wer also eine Mehrtagestour mit wechselnden Unterkünften plant, kann sich sein Gepäck täglich ins nächste Hotel bringen lassen.


