Kalkhoff: Besuch beim E-Bike-Hersteller
Traditionsmarke mit starker Zukunft
Kalkhoff: Besuch beim E-Bike-Hersteller
in Hintergrund
in Hintergrund
Seit drei Jahren gibt es jetzt die neue Fabrik in Emstek an der A1 zwischen Osnabrück und Bremen. Sie vereint drei Bereiche: Die Verwaltung sitzt in modernen Büros im Obergeschoss; im Erdgeschoss werden in einer der modernsten Produktionen Europas E-Bikes gebaut und zum Versand bereitgestellt; und in einer edel gestalteten Markenwelt kann man die Marke Kalkhoff mit allen Sinnen erleben.
Wer sich auf den Weg nach Emstek macht, kann dort die Historie von Kalkhoff erleben, aber auch, wo die Marke heute steht, und in der integrierten Ausstellung jedes Modell anschauen. Mehr noch, auf einem aufwändig angelegten Parcours rund um den Firmenkomplex kann man nach Anmeldung jedes E-Bike Probe fahren, dabei krasse Steigungen nehmen oder auf losem Untergrund das ABS testen, mit dem einige Modelle ausgerüstet sind.

Ein Besuch bei Kalkhoff in Emstek
Wie aus einem Rahmen ein E-Bike entsteht
Damit nicht genug: Man kann sogar an Werksführungen teilnehmen und beim Rundgang hautnah erleben, wie aus einem Rahmen und zahllosen Einzelteilen allmählich ein E-Bike entsteht; man sieht die Montage, die Lackieranlage, den Laufradbau und das Testlabor, in dem die Produkte von Maschinen malträtiert werden, um sicherzustellen, dass sie im Alltag halten.
Dieser tiefe Einblick macht nicht nur Spaß, er gibt auch einen Eindruck davon, wie komplex es ist, ein zuverlässiges E-Bike zu entwickeln und zu produzieren. Das hilft auch zu verstehen, warum E-Bikes nicht immer ganz günstig sind. Die Führungen sind jedenfalls derart beliebt, dass sie das ganze Jahr über nahezu jeden Tag stattfinden, teilweise mehrmals. Auch der Elektrorad-Reporter findet sich in einer Gruppe von 40 Landfrauen wieder.
Vom Landbriefträger gegründet
Dabei fing alles natürlich ohne Elektromotor an. Die Ausstellung in der Markenwelt zeigt mit Fotos, Texten und Filmen sehr anschaulich den Werdegang des Unternehmens und ihres Gründers, des Landbriefträgers Heinrich Kalkhoff, den ein Prospekt für Fahrradreifen zur Gründung seines Unternehmens im Jahr 1919 animierte.
In 20 Betriebsjahren vor dem Zweiten Weltkrieg stellte er insgesamt 700.000 Fahrräder her; dann wurde auch seine Fabrik Teil der Kriegswirtschaft. 1954 erhielt er wieder die Genehmigung zur Produktion von Fahrrädern. Die ausgestellten Werbeplakate zeigen unter anderem eine Aufnahme mit Uschi Obermaier, den älteren Semestern noch als Stilikone der späten 60er Jahre und Freundin von Mick Jagger bekannt.
1972 starb Heinrich Kalkhoff; da war der Abstieg schon vorgezeichnet. Seine Nachfolger hingen in der Abwärtsspirale fest, die fast alle Fahrradproduzenten betraf: Man konnte gar nicht so billig produzieren, wie man meinte, verkaufen zu müssen. 1986 war Kalkhoff am Ende; 1988 begann mit der Übernahme durch die Derby-Cycle-Gruppe der Wiederaufstieg. 2007 wurde das erste E-Bike herausgebracht.
Aufstieg unter dem Pon-Dach
2012 übernahm die niederländische Pon Holdings sämtliche Marken der Derby-Gruppe. Pon erinnert mit seinem heutigen Markenportfolio stark an die Volkswagen-Gruppe: Genau wie bei dem Automobilkonzern stehen die einzelnen Marken für verschiedene Marktsegmente, Nutzungsszenarien und Vorlieben der Kunden. Klangvolle Namen wie Gazelle, Cannondale und Santa Cruz gehören ebenso dazu wie die Marke Cervelo, auf der Toursieger Jonas Vingegaard seine Kilometer abspult; außerdem gehören Unternehmen zur Gruppe, die im Fahrradleasing tätig sind. Die Analogie ist nicht ganz zufällig: Das Familienunternehmen Pon ist Generalimporteur der Volkswagen-Gruppe für die Niederlande.
Es ist wohl nicht allzu vermessen, in Kalkhoff den Volkswagen der Pon-Gruppe zu erkennen: universelle Fahrzeuge mit gehobenem Anspruch in Sachen Komfort, Zuverlässigkeit und Nutzbarkeit, verbunden mit zeitgemäßem Design mit hoher Wiedererkennung.

Auf Trommelprüfständen werden die Probanden über eine definierte Anzahl an Kilometern nachgestellten realen Fahrbedingungen ausgesetzt
Gläserne Fabrik
Dazu passt zweifellos auch die transparente Fabrik in Emstek, die mit ihrer Gestaltung und ihren Möglichkeiten an die VW-Welt in Wolfsburg erinnert, wenn auch ein paar Nummern kleiner, natürlich. Immerhin finden hier auch 850 Menschen Arbeit, davon 170 im Bürotrakt, der Rest in der Produktion. Das neue Werk weist eine Gesamtfläche von 50.000 Quadratmetern auf.
Damit alle 90 Sekunden ein E-Bike fertig wird, ist das Produktionslayout auf kurze Wege und hohe Effizienz optimiert. Das Material wandert von hinten nach vorn; sukzessive werden bis zu 1150 einzelne Teile zu Baugruppen zusammengefügt und schließlich am Band fertig montiert.
Kalkhoff spricht auf seiner Webseite von zehn wesentlichen Fertigungsschritten:
- Das Testlabor: Der Check vor der Produktion, inklusive Qualitätsprüfung zugekaufter Komponenten, denen man je nach Ausführung bis zu 1,8 Millionen Stoßbelastungen zumutet.
- Die Bereitstellung der zu verbauenden Teile aus dem hauseigenen Teilelager.
- Die Lackierung, wobei die Rahmen an der Kette eines knapp zwei Kilometer langen Fördersystems mit 1850 Haken hängen und von einer Lackierstation zur nächsten wandern, inklusive 180 Grad warmem Einbrennofen.
- Dekore auftragen – was nur von Hand gemacht wird und Klarlack aufbringen.
- Die Vormontage, wo Ketten auf die richtige Länge gekürzt, einzelne Bauteile wie Gepäckträger, Steckerbaugruppen und Lampen für die Montage vorbereitet, Schutzbleche bearbeitet und Dämpfer montiert werden und Verschiedenes mehr.
- Die Laufrad-Produktion, also der Zusammenbau von Nabe, Felge und Speichen in einem halbautomatischen Prozess.
- Die Endmontage, also das Zusammenfügen aller Teile am Band.
- Die Akkumontage.
- Die Qualitätssicherung, also die detaillierte Überprüfung einer Auswahl von fertig montierten E-Bikes.
- Verpackung und Versand, womit sichergestellt wird, dass die E-Bikes sauber und unbeschadet am Zielort ankommen.

Damit alle 90 Sekunden ein E-Bike fertig wird, ist das Produktions-
layout auf kurze Wege und hohe Effizienz optimiert
Ausgefeiltes Produktmanagement
Was dabei am Ende herauskommt, ist ein fertiges E-Bike für gehobene Ansprüche. Laien dürften dem Endprodukt kaum ansehen, wie viel Detailarbeit darin steckt. Rainer Brinkmann, seit vielen Jahren einer der Köpfe des Produktmanagements, legt Wert darauf, dass man es dabei nicht nur sich selbst, sondern auch den Kunden nicht unnötig schwer macht.
Der Schlüssel dazu: Ein kompaktes, übersichtliches Programm, das die Entwickler mit größtmöglicher Sorgfalt entwickelt haben und die Interessenten sofort verstehen. Das Programm deckt die Bereiche City, Trekking und Allroad (also SUV) ab und kommt mit genau drei Modellreihen aus: Image, Endeavour und Entice. In jedem dieser Segmente erkennt man an den Ziffern 3, 5 und 7 die Wertigkeit der Ausstattung, am hinzugesetzten Buchstaben L oder C ein besonders leichtes oder Kompakt-Modell und am Zusatz „Plus“ die Zulassung für ein Gesamtgewicht von 180 Kilo.
Der letztgenannte Punkt ist Brinkmann besonders wichtig: Diese Modelle sind nicht nur an schwere Fahrer adressiert, sondern auch für Anwendungen mit hoher Zuladung konzipiert; entsprechend wurden die Bauteile nach darauf ausgerichteten Materialprüfungen ausgewählt. Damit sollen auch anspruchsvolle Anwendungen in der Stadt abgedeckt werden, wenn beispielsweise Kindersitz und schwere Einkäufe mitgeführt werden. Weil nicht nur schwere Fahrer im Fokus stehen, ist bei Federstützen auch nur eine Feder mittlerer Härte eingebaut und die härtere Variante wird serienmäßig beigelegt. Die Luftfedergabel ist ohnehin einstellbar.
In diesem übersichtlichen Programm sieht Rainer Brinkmann ein wichtiges Merkmal: Indem man weder Kinderräder noch Fahrräder ohne Motor noch Sportmodelle führt, schafft der Hersteller eine eingängige Struktur und die Entwickler tüfteln an wenigen Modellen, dafür aber bis ins kleinste Detail, von der zum Maximalgewicht passenden Bremsanlage bis zur ausgefeilten Komfortgeometrie. Indem Praxistauglichkeit im Lastenheft ganz oben steht, entstehen treue Begleiter für Alltag und Freizeit, auf die man sich Tag für Tag und bei jedem Wetter verlassen können soll.
Sorgfalt braucht Zeit
Wie lange die Entwicklung eines solchen Modells dauert? Das variiert, sagt Rainer Brinkmann; von der ersten Idee bis zum fertig spezifizierten E-Bike vergehen je nach Aufgabenstellung etwa 30 Monate. Soll ein neuer Motortyp eingebaut werden, sind neue Schraubenverbindungen zu berücksichtigen und die Statik ist neu zu berechnen; Fullys sind komplexer als Hardtails, dafür sind Updates leichter zu stemmen als komplette Neuentwicklungen.
Für jedes Modell wird ein Entwicklungsteam aus Ingenieuren, Produktmanagern, Qualitätsmanagern und weiteren Experten gebildet. Rainer Brinkmann selbst hat seinen Arbeitsschwerpunkt bei den 5er- und 7er-Modellen, beschäftigt sich also mit den Abrundungen der Linien nach oben.

Das Gründerpaar wird ausführlich gewürdigt
40+-Jährige im Visier
Abgerundet wird der Besuch durch ein Gespräch mit der Geschäftsführerin. Das ist deshalb so interessant, weil Melanie Lauer erst seit zirka einem Jahr im Unternehmen ist und deswegen noch teilweise „von draußen“ auf das Unternehmen blickt.
Auf die Frage, was Kalkhoff von der enormen Zahl von Wettbewerbern unterscheidet, hebt sie als Erstes die Ergonomie hervor, dass man den Unterschied spüren könne. Viele E-Bikes kämen heute sehr schick und aufgeräumt daher, es entstehe aber oft kein entspanntes Verhältnis zwischen Fahrer und Gefährt; irgendetwas schmerze immer, der Rücken, der Nacken, Teile der Hand.
Kalkhoff-Modelle sind auch sehr schick, aber es entstehe ein nachhaltiges Verhältnis ohne Reue; nichts tut weh, man fährt entspannt, das Rad flattert nicht, es fährt auch mit Kindersitz wie auf Schienen, kurz, es passt alles. Und man freut sich schon auf die nächste Fahrt, statt sie unbewusst zu vermeiden.
Melanie Lauer sieht im E-Bike einen Brückenbauer, weil alle Altersklassen und Geschlechter erreicht werden, das Produkt so zugänglich ist und Familien unterwegs verbunden bleiben. So entstehe ein anderes Verhältnis zur Mobilität. Heute sind Best Ager zwischen 50 und 70 Jahren die Haupt-Käufer-Gruppe, aber in der Gruppe der 40+-Jährigen will man jetzt verstärkt punkten, was man dem Programm auch ansieht.
Die Geschäftsführerin weiß, dass Kalkhoff im Norden äußerst präsent ist und sich der Süden Deutschlands für die Marke noch nicht ganz so stark geöffnet hat; da werde man aber gerade mit den anspruchsvolleren Allroad-Modellen sicher noch Potenziale heben. Mit einer gestützten Bekanntheit von 76 Prozent und der Präsenz in 1800 Fahrradgeschäften steht die Marke stark da. Zudem ist Kalkhoff in Frankreich, Skandiavien, Benelux, Österreich und der Schweiz gut vertreten.
Breites Preisspektrum abdecken
Kalkhoff-Modelle sind keine Schnäppchen, die Preise aber ein Ergebnis des Vorrangs der Qualität. Sorgfältiges Produktmanagement, hochmoderne Produktion und penible Qualitätssicherung hätten ihren Preis, und viele Kunden schätzten die hervorragende Ausstattung der Top-Modelle. Dass der E-Bike-Markt aber vermehrt nach günstigeren Preislagen verlangt, ist auch in Emstek angekommen. Melanie Lauer kündigt bereits das neueste Einstiegsmodell, die neue Kalkhoff-1er-Serie, an, die im Herbst im Handel erhältlich sein wird.
Es helfe auch enorm, dass die Techniker mit einem Gang die Treppe herunter in den direkten Austausch mit der Produktion treten könnten. Die Verankerung des Unternehmens in der Pon-Gruppe sieht sie als weiteren Pluspunkt für die Traditionsmarke, nicht nur wegen der Synergien auf klassischen Feldern wie Einkauf, sondern auch wegen des fruchtbaren Austauschs mit den Verantwortlichen der Schwestermarken.
In Emstek schätzt die Newcomerin in der Fahrradbranche die familiäre Atmosphäre, die persönliche Ebene des Umgangs. Viele verabredeten sich auch abteilungsübergreifend nach Feierabend zu Ausfahrten auf Kalkhoff-E-Bikes. Hinzu komme eine große Leistungsbereitschaft in der Belegschaft. Aus dieser Kombination könne noch einiges erwachsen.












