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Es steht kein Pferd, aber ein Rad im Rathaus-Flur und ein zweites gleich daneben. Eins für Damen, das andere für Herren. „Das sind die neuen Dienstfahrzeuge“, erklärt Bad Salzungens Bürgermeister Klaus Bohl. Seit Juli ist der städtische Fuhrpark um diese beiden Zweiräder reicher. Im Schrank liegt das nötige Zubehör: ein hellblauer und ein lila Fahrradhelm, ein Tasche für Akten und eine Pelerine, wenn‘s auf Diensttour schütten sollte.
Steffen Albrecht ist einer der Verwaltungsmenschen, die sich nun lieber auf den Sattel schwingen als sich hinters Lenkrad zu klemmen. Der Sachbearbeiter für Sport- und Jugendförderung tut‘s vor allem „weil‘s praktisch ist“. Rufen ihn Vereine in die Ortsteile, tritt er in die Pedalen.
In der Regel nimmt Albrecht Strecken um die sechs Kilometer unter die Räder. „15 bis 20 Minuten brauche ich, um vor Ort zu sein“, rechnet er vor. „Schneller bin ich mit dem Auto im dicken Stadtverkehr auch nicht.“ Außerdem hat das dienstliche Strampeln einen willkommenen Nebeneffekt: Die Pedalritter aus dem Rathaus halten sich fit – während der Arbeitszeit.
Stadtchef fährt Mountainbike
Keiner weiß das besser als der Stadtchef. Der 45-Jährige ist selbst leidenschaftlicher Radfahrer. Zwar war es ihm bisher nicht vergönnt, im Dienst-Sattel zu sitzen, doch zu Hause wartet auf ihn das eigene Mountainbike. „Ich nutze dafür jede freie Minute. Aber die Zeit reicht oft nicht. Dabei ist Radfahren eine gute Möglichkeit, Stress abzubauen und seinen Job besser zu schaffen.“
Nicht alle Mitarbeiter teilen die sportliche Vorliebe des Chefs. Einem älteren Kollegen falle es schwerer als den Jüngeren auf einen Drahtesel als Dienstfahrzeug umzusatteln, sagt Bohl. Da bleiben vorerst Vorteile auf der Strecke: Radfahren ist gesund, umweltfreundlich und hilft, die Spritkosten der Verwaltung zu senken... Vor allem aber macht Radeln Spaß. Bis die Zögerlichen aber darauf kommen, dauert es. „Eine Verpflichtung, mit dem Dienstrad zu fahren, gibt es nicht.“
Der Stadtrat jedenfalls war von den radelnden Beamten und Verwaltungsmitarbeitern ebenso begeistert wie von der Idee, Bad Salzungen in eine fahrradfreundliche Kur- und Kreisstadt zu verwandeln. Er rief eine „ämterübergreifende Arbeitsgruppe“ ins Leben. Ziel: Ausbau der Fahrradwege außerhalb und in der Stadt. Denn Bad Salzungen baut auch auf Radtourismus. Zumal solch beliebte Routen wie der Werratal- oder der Rhönradweg die Kurstadt tangieren. „Im Sommer sind viele Radler in der Stadt und es sollen mehr werden."
Sind Thüringer Fahrradmuffel?
Aber was in Bad Salzungen funktioniert, muss nicht im übrigen Freistaat klappen. Darf man amtlicher Auskunft Glauben schenken, dann sind im Freistaat Fahrradmuffel zu Hause. „Fahrradfreundliche Stadt? Kein Thema“, heißt es beim Gemeinde- und Städtebund in Erfurt. Ähnliches lässt das Thüringer Verkehrsministerium verlauten. Sprecher Dietmar Müller sagt: „Solch einen offiziellen Titel gibt es im Freistaat nicht.“
Andere Erfahrungen hat Nordrhein-Westfalen gesammelt. Dort haben sich fahrradfreundliche Gemeinde, Städte und Landkreise zu einer Arbeitsgemeinschaft (AGFS) zusammengeschlossen. 44 Kommunen gehören derzeit dazu. Tendenz steigend – in Zeiten hoher Benzinpreise, von Umweltverschmutzung und Bewegungsmangel.
In Thüringen strampeln die Bad Salzunger vorerst einsam. Hoffentlich reicht ihre Puste aus, bis auch hierzulande die Bewegung für fahrradfreundliche Kommunen ins Rollen kommt und die Behörden mit in die Speichen greifen.
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