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Neckarsulm - Der „Neckarsulmer Pfeil“ ist ein edles Ross: die Felge aus Holz, der Ledersattel mit Lüftung, die Griffe am Lenker aus Kork. „Ich hab’ noch nie ein so gut erhaltenes Original gesehen“, schnalzt Peter Kuhn mit der Zunge. Der technische Leiter des Neckarsulmer Zweiradmuseums jubelt auch deshalb, weil ihm mit diesem Herrenrad ein besonderes Schnäppchen geglückt ist.
110 Jahre alt
Der „Pfeil“ ist 110 Jahre alt und stammt also fast aus den Gründerjahren des Fahrradbaus in der Stadt. Die Neckarsulmer Fahrräderfabrik hatte 1886 die Produktion aufgenommen. 300 Motorräder, Laufräder und Fahrräder sind in der ständigen Ausstellung des Museums zu bestaunen. Der „Neckarsulmer Pfeil“ wird hier in der Urbanstraße 11 einen Ehrenplatz bekommen.
Mit Chrompolitur wienert Kuhn die 32 Speichen des Vorderrads und die 36 Speichen des Hinterrades. „Patina bleibt, das soll auch so sein.“ Die Holzfelge wird mit feiner Stahlwolle vom Schmutz befreit und mit Holzpolitur wieder fein gemacht. Die abgegriffenen Handgriffe aus Kork und die abgefahrenen Profile weisen auf einen intensiven Gebrauch hin. Doch der ehemalige Besitzer hat sein Fahrrad sehr gut gepflegt.
Das Rad stammt von einem Lörracher Architekten, der es wiederum vor acht Jahren dem Erstbesitzer, einem alten Herrn, abgekauft hatte. Als der Planer im Internet auf das Neckarsulmer Zweiradmuseum aufmerksam wurde, war ihm die Konzeption dort sofort sympathisch. Hier wird die Fahrrad- und Motorradentwicklung sehr detailliert dargestellt. Für einen symbolischen Preis von 300 Euro hat das Museum das seltene Stück erworben. Peter Kuhn ist hoch zufrieden: „Auf dem freien Markt zahlen Liebhaber für einen solchen Schatz 8000 Euro und mehr.“
\"Ein Sahnestück\"
Überrascht ist der Tüftler des Museums, als er die Reifen herunterzieht. Die uralten Schläuche sind in einwandfreiem Zustand - kein Zerfall. Als Kuhn das Rad zum ersten Mal gesehen hat, „sind mir fast die Augen rausgefallen. Das ist ein Sahnestück.“ Die feinen Goldlinien auf den Schutzblechen sind noch zu sehen, ebenso das aufgepresste Wappen der Neckarsulmer Räderfabrik, von der auch der stabile Ledersattel stammt. Die weißen Reifen sehen edel aus, haben aber einen praktischen Hintergrund: „Kautschuk ist von Natur aus weiß, erst später um 1900 wurde Ruß beigemischt. Der hat das Material dann schwarz und geschmeidiger gemacht.“ Die weißen Gummipedale sind inzwischen steinhart geworden.
Gebremst wurde mittels Bremsbacken, die je nach Abnutzung drehbar waren und durch ein Gestänge von oben auf den Reifen aufgedrückt wurden. Mit nur 15 Kilogramm Gewicht ist das Exemplar leicht, hat als einzige Raffinesse aber auch nur eine Arretierung, um den Lenker fürs Anlehnen festzustellen. Ein Radständer fehlt ebenso wie das Licht, das damals als Sonderzubehör gehandelt wurde. Damit wäre dieser „Neckarsulmer Pfeil“ voll verkehrstüchtig, bleibt aber in der Ausstellung, wo ihn Kuhn hütet - wie einen Schatz eben.
Der „Neckarsulmer Pfeil“ wird am kommenden Sonntag, 26. August, von 11 bis 17 Uhr bei einem Fest rund um das Rad der Öffentlichkeit präsentiert. Dabei gibt es Vorführungen der fünffachen Doppelweltmeisterinnen im Kunstradfahren, Katja Knaack und Carolin Ingelfinger. Der Eintritt ins Museum ist an diesem Tag frei.
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